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 Abbildung 6.1: Ausschnitt aus Paul Ellimans Exemplifikation der Schriftart »Alphabet«. 30 Die Passfotos entsprechen der Buchstabenfolge »ALPHABET«. 30

Die Möglichkeit zur ikonischen Aufladung von mikrotypografischen Größen hat auch in der Schriftgestaltung eine lange Tradition – Sabine Gross zeigt hier Beispiele, die bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen.31 Jüngeren Datums, und damit im Kontext digitaler Drucksachen interessanter, ist Paul Ellimans »Alphabet«, das er 1992 in der fünften Ausgabe von FUSE veröffentlicht.32 Die Grundlage der Schriftart bilden hierbei eine Serie von 26 Aufnahmen eines Passfotoautomaten. Wie das »T« in Abbildung 6.1 zeigt, greift Alphabet allerdings nicht nur auf bildlich ikonische Verbindungen zurück, sondern geht teilweise auch den Umweg über die Mündlichkeit: Die Tee-Tasse besitzt – anders als die restlichen Bilder – keine Ähnlichkeit zu einem Buchstaben (zumindest nicht mit einem »T«), sondern erschließt sich erst über die Vokalisierung des abgebildeten Gegenstandes. Die restlichen Buchstaben der Zeichenkette »ALPHABET« machen deutlich, wie groß der Spielraum der Schriftbildlichkeit tatsächlich ist33 und wie weit sich Buchstaben Bildern annähern können. Spannend wird dieser Zusammenhang, wenn man ihn mit dem Konzept der Störung verbindet: Die Rekonfiguration des Zeichenverbundsystems hin zum Ikonischen kann durch Störung veranlasst werden, wobei auch hier wieder zwischen zwei Formen von Störung unterschieden werden kann: (1) Störung, die von der Verfremdung der Form selbst ausgeht, wie etwa in Abbildung 6.2, in der eine Reihe höchst ungewöhnlicher Entwürfe für ein »A« gezeigt werden, die schon allein durch ihre Andersartigkeit ikonische Merkmale in den Vordergrund rücken.

62  —  Ikonizität und Diagrammatik

Aus: »Alphabet [Poster]«, in: FUSE 5 (1992). 31 Vgl. Gross: Lese-Zeichen: Kognition, Medium und Materialität im Leseprozess, S. 55. Eine besondere Rolle spielt mikrotypografische bildliche Ikonizität auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei den Furisten und Lettristen, deren Programm auch die Befreiung des Buchstabens aus dem Wort umfasst. Vgl. ebd., S. 54. 32 Den Schriftarten in FUSE ist – analog zum »FF« des Schriftlabels FontFont – ein »F« vorangestellt – dieses Präfix wird hier konsequent ausgespart.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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