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Abschnitt hat weiterhin gezeigt, dass die Position, welche ein Zeichenverbundsystem im schriftbildichen Kontinuum einnimmt, nicht fix ist. Es ist deshalb nötig, die Frage nach bildlicher Ikonizität performativ umzuformulieren und nach dem »Wann«, also nach ihren Produktionsbedingungen zu fragen. Die Frage nach dem »Wann« lässt sich gut auf der mikrotypografischen Ebene nachvollziehen, bei der sich vielleicht die naheliegendsten Beispiele bildlicher Ikonizität, wie etwa das »T-Shirt«, die »O-Beine« oder der stählerne »H-Träger« finden. Dass es sich beim »H-Träger« um eine Form von mikrotypografischer bildlicher Ikonizität handelt, leuchtet ein, denn er trägt seinen Namen allein wegen der qualitativen Übereinstimmungen zwischen seinem ersten Buchstaben und dem Profil des eigentlichen Stahlträgers. Es ist allerdings zu vermuten, dass auch einer Bestellung von »h-trägern« keine Lieferung von asymmetrisch geformten Bauteilen folgen würde. Der ikonisch bzw. in Stahl gewogen durchaus große Unterschied zwischen »H« und »h« scheint also bei der Bestimmung des Objekts des Zeichens nicht so zentral, wie man zuerst vermuten würde, wenn man die ganz offensichtliche Etymologie des Wortes betrachtet. Diese Abnutzung des Ikonischen lässt sich mit dem peirceschen Konzept des Zeichenwachstums erklären:

Symbols grow. They come into being by development out of other signs, particularly from icons, or from mixed signs partaking of the nature of icons and symbols.29 Der »H-Träger« als von ikonischer Bildlichkeit geprägtes Zeichenverbundsystem ist also durch seine Benutzung – und vermutlich auch durch kontinuierliche Transkription in Mündlichkeit und zurück – symbolischer geworden. Einerseits verschleißt Ikonizität also beim Gebrauch, andererseits zeigt das Beispiel des einigermaßen jungen »H-Trägers« aber auch, dass Schrift stets ikonisch aufladbar bleibt. Es existiert also in beide Richtungen des Schrift-Bild-Kontinuums ein Sog.

Ikonizität und Diagrammatik  —  61

29 Peirce: CP, 2.302.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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