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So etwa bei einer chemischen Strukturformel, die im engeren Sinne keine qualitative Ähnlichkeit zu ihrem molekularen Vorbild besitzt, sondern räumliche Relationen und Atombindungen sichtbar macht. Gerade die Atombindungen sind hierbei interessant, weil es sich um abstrakte Relationen handelt, die jenseits der Diagrammatik keine Sichtbarkeit kennen. Diese Sichtbarmachung des Abstrakten ist geradezu konstitutiv für Diagramme.20 Zu behaupten, Diagramme würden Abstraktion leisten, greift also zu kurz, weil sie Abstrakta im Gegenteil sicht- und greifbar machen – da aber erst dieser Prozess die Abstrakta hervorbringt, wird hier klar, wie abhängig Abstraktion von Materialität ist. Wie steht es nun um die Abhängigkeit der Ähnlichkeit in der Zweitheit von Symbolizität? Für Peirce stellt das Diagramm das Primärbeispiel eines rhematisch-ikonischen Legizeichens dar21 – also eines Ikons, das analog zur Schrift über den Legizeichenaspekt von einem allgemeinen Gesetz geleitet wird. Diese Gesetzmäßigkeit bedeutet in letzter Konsequenz, dass jedes Diagramm von einem Symbol regiert wird.22 (2c) Metaphorik ist die von Peirce selbst am wenigsten entwickelte Dimension des Ikons. Neben der zitierten Textstelle zur Unterteilung des Hypoikons (siehe S. 53) lässt sich nur wenig über die Funktionsweise von Metaphern in seinen Schriften finden, auch wenn erkennbar wird, dass Peirce der Metapher eine wichtige Rolle in der Sprache zugesteht.23 Die Vagheit des peirceschen Begriffs von Metaphorik macht genaue Aussagen über seine Natur schwierig, aber die Logik der Kategorien von Erst-, Zweit- und Drittheit legt auch hier nahe, dass Metaphorik im peirceschen Sinne erstens nicht ohne den Rekurs auf Diagramme und Bilder zu realisieren24 und damit schon auf diesen Ebenen mit Symbolizität verwoben ist und zweitens in sich eine Bewegung von der Existenz als Merkmal der Zweitheit hin zur Regel vollzieht, und insofern noch in größerem Maße durch Symbolizität geprägt sein muss als das Diagramm.

58  —  Ikonizität und Diagrammatik

20 Vgl. Krämer: »Operative Bild-

lichkeit. Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über ein erkennendes Sehen«, S. 96.

21 Vgl. Peirce: CP, 2.258.

22 Vgl. Stjernfelt: »Diagrams

as Centerpiece of a Peircean Epistemology«, S. 366.

23 Vgl. Peirce: CP, 2.290.

24 Vgl. Farias/Queiroz: »Images,

Diagrams, and Metaphors: Hypoicons in the Context of Peirce’s Sixty-six-fold Classification of Signs«, S. 294.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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