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1.1  Verbindungen und Schnitte Zwei Phasen, so Chuck Bigelow 1983 im »Scientific American«, lassen sich in der Schriftgeschichte nach jedem technologischen Wechsel unterscheiden: »First, there is a period of imitation, in which the outstanding letterforms of the previous typographic generation serve as models for the new designs. Second, as designers grow more confident and familiar with the new medium, innovative designs emerge that are not merely imitative but exploit the strengths and explore the limitations of the medium.«1 Dabei handelt es sich nicht allein um einen schrifthistorischen Befund, sondern um eine Prophezeiung für die kommenden Jahre. Beim Scientific American scheint sie Gehör zu finden: Vier Jahre nach Erscheinen des Artikels wechselt das Magazin auf Bigelows »Lucida« – eine Schriftart, die explizit unter dem Vorzeichen der Digitalität entworfen wurde.2 Sie ersetzt die 1931 für die gleichnamige Zeitschrift gestaltete »Times« auf den Seiten des Magazins. Dieses Buch soll einen Einblick in die zweite Phase der digitalen Typografie geben. Ausgangspunkte der Untersuchung sind dabei fünf Magazine – zwei davon deutsch, zwei von der amerikanischen Westküste und eine britisch-deutsche Koproduktion. Dabei geht es weniger darum, die Magazine in Isolation zu betrachten als gerade ihre Verbindungen herauszuarbeiten: zueinander, zu designtheoretischen Strömungen, zu stilistischen Entwicklungen, zu Technik und Gesellschaft. Drei der Magazine, »Emigre«, »FUSE« und »Form+Zweck« haben selbst Design zum Thema, die verbleibenden zwei – »Frontpage« und »Ray Gun« – beschäftigen sich mit Musik. Die Auswahl ist damit weder die Themen noch die Gestaltung betreffend ein repräsentativer Schnitt durch das Editorial Design der späten Achtziger und frühen Neunziger. Was die Magazine verbindet, ist vielmehr der von Bigelow prognostizierte Wille, die Möglichkeiten und Begrenzungen der eigenen Gestaltungssituation zu erkunden und sichtbar zu machen.3 Dabei geht die Erkundung weit über den von Bigelow

2  —  Einleitendes

1 Charles Bigelow/Donald Day:

»Digital Typography«, in: Scientific American 249.2 (1983), S. 94–105, hier S. 98.

2 Vgl. Paul R. Bowden/David

F. Brailsford: »On the Noise Immunity and Legibilty of Lucida Fonts«, in: Raster Imaging and Digital Typography. Proceedings of the International Conference Ecole Polytechniqie Fédérale Lausanne October 1989, hrsg. v. Jacques André/Roger D. Hersch, Cambridge: Cambridge University Press, 1989, S. 205–212, hier S. 207.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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