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nomenen – bei gleichzeitiger Betonung ihrer Ausnahmestellung – eingeräumt. Die zugrundeliegenden Überlegungen wurden allerdings nicht im Cours de linguistique générale geboren, sondern blicken auf eine lange Geschichte zurück und lassen sich beispielsweise bereits sehr klar in Hegels System der Künste ablesen, in dem die Vorrangigkeit der Poesie sich gerade aus ihrer Unabhängigkeit von der eigenen Materialität herleitet.9 Die Annahme von Arbitrarität als Unmotiviertheit stellt einen der zentralen Gründe für typografische Blindheit moderner Zeichentheorien dar, weshalb Saussure von sprachphilosophisch ausgerichteten Designtheoretikern auch intensiv kritisiert wird.10 Saussure-Lektüren jenseits des Cours legen allerdings ein anderes Verständnis von Arbitrarität nahe, wie bereits in Kapitel 4 angerissen: Arbitrarität fällt auf dieser Basis nicht länger mit Unmotiviertheit zusammen, sondern beschreibt die reziproke Logik der Semiose, in der das Zeichenganze seinen Teilen vorausgeht.11 Ein Gedanke, der Peirce keineswegs zuwiderläuft und den wechselseitigen Ausschluss von Ikonizität und Symbolizität auch von der Seite der Semiologie ausräumt: Symbole schließen also Ikone nicht aus, sondern setzen sie im Gegenteil voraus. (2) Die Abhängigkeit des Symbols vom Ikon leuchtet ein, wenn man die diagrammatische Definition von Dritt- und Erstheit betrachtet: Drittheit als triadische Relation setzt notwendigerweise die Existenz von dyadischen Relationen und Monaden und damit von Zweit- und Erstheit voraus.12 Diese Argumentation funktioniert aber erst einmal nur in eine Richtung, denn aus der diagrammatischen Logik heraus lässt sich die Abhängigkeit einer Monade zur Triade nicht unmittelbar ableiten. Es bleibt also die Frage, inwiefern Ikone auf Symbole angewiesen sind. Um diese Frage zu beantworten, macht es Sinn, zwischen drei Untergruppen von (Hypo-)Ikonen13 zu unterscheiden:

Hypoicons may be roughly divided according to the mode of Firstness of which they partake. Those which partake of simple qualities, or First Firstnesses, are images; those which

Ikonizität und Diagrammatik  —  55

9 Vgl. Jäger: »Störung und

Transparenz. Skizze zur performativen Logik des Medialen«, S. 51.

10 Vgl. Drucker: The Visible

Word. Experimental Typography and Modern Art, 19091923, S. 16ff.; vgl. Spitzmüller: »Typographie«, S. 209. Dass gerade Saussure als Gegner vieler Designtheoretiker ausgemacht wird, lässt sich sicherlich auch durch die Rezeption von poststrukturalisitischen Theoretikern erklären. 11 Vgl. Erika Linz/Klaudia Grote: »Sprechende Hände. Ikonizität in der Gebärdensprache und ihre Auswirkungen auf semantische Strukturen«, in: Manus Loquens. Medium der Geste – Geste der Medien, hrsg. v. Matthias Bickenbach/ Annina Klappert/Hedwig Pompe, Köln: DuMont, 2003, S. 318–337, hier S. 321. 12 Vgl. Peirce: EP, 2:318. 13 Bei Hypoikonen handelt es sich um verkörperte Ikone. Vgl. Liszka: A General Introduction to the Semeiotic of Charles Sanders Peirce, S. 131. Der Unterschied zwischen Ikon und Hypoikon soll hier allerdings der Übersichtlichkeit halber nicht im Detail untersucht werden.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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