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Unterfangen nicht immer seinem Programm entspricht, liefert Peirce gleichwohl das Werkzeug für eine solche Analyse, indem er Ikonizität und Symbolizität nicht als disparate Kategorien entwirft, sondern die Grundlage legt, sie als stets miteinander verwobene Größen zu analysieren.4 Diese Verbundenheit von Ikon und Symbol lässt sich in zwei Richtungen analysieren: (1) Erstens stellt sich die Frage, inwiefern Symbole, die aller Kritik an der rein symbolischen Analyse von Schrift zum Trotz eine sehr wichtige Rolle für Schriftlichkeit spielen, Ikone benötigen. Diesem Zusammenhang kommt man näher, wenn man Ikonizität und Symbolizität als Kategorien der Erst- und Drittheit5 betrachtet. Symbolizität als von Drittheit bestimmter Objektbezug muss wie jede andere Form von Drittheit auf Zweitheit zurückgreifen, die wiederum Erstheit voraussetzt. Am Objektpol bedeutet das also, dass Symbolizität notwendigerweise Indexikalität und Ikonizität bedarf: »But a symbol, if sufficiently complete, always invokes an index, just as an index sufficiently complete involves an icon.«6 Diese Verbindung entfaltet ihre semiotische Sprengkraft dann, wenn man sie mit der – in der Regel vom Cours de linguistique générale7 abgeleiteten – Unterscheidung zwischen Motiviertheit und Arbitrarität in Verbindung setzt. Eine verbreitete Annahme ist dabei, dass Arbitrarität und Motiviertheit ein Gegensatzpaar darstellen, weil Arbitrarität mit Konventionalität und Unmotiviertheit gleichzusetzen ist8 – also der Unabhängigkeit der Zeichenfunktion von der Materialität des Zeichens selbst. Ins peircesche Vokabular übersetzt stünde Arbitrarität damit für reine Symbolizität – von der wir allerdings gerade gezeigt haben, dass sie von kategorialen Abhängigkeiten ausgeschlossen wird. Diese Arbitrarität als Unmotiviertheit wird in der Regel als eine der Grundeigenschaften des sprachlichen und damit auch des schriftlichen Zeichens postuliert, womit sich Materialität und Ikonizität, als von zeichentheoretischer Materialität abhängige Funktion, auf einen Schlag marginalisieren lassen. Raum für Ikonizität wird auf dieser Basis höchstens noch onomatopoetischen Phä-

54  —  Ikonizität und Diagrammatik

4 Abseits der editierten

Peirce-Manuskripte finden sich außerdem zahlreiche chiro- und typografische Experimente von Peirce selbst. Vgl. Benjamin Meyer-Krahmer/ Mark Halawa: »Pragmatismus auf Papier – Über den Zusammenhang von Peirces graphischer Praxis und pragmatistischem Denken«, in: Das Bildnerische Denken von Charles S. Peirce, hrsg. v. John Michael Krois, Berlin: Akademie Verlag, erscheint. 5 Siehe Kapitel 3. 6 Peirce: EP, 2:318. 7 Ferdinand de Saussure:

Cours de linguistique générale. Edition critique par Rudolf Engler. Tome 1. Wiesbaden: Harrassowitz, 1968. 8 Vgl. etwa Drucker: The

Visible Word. Experimental Typography and Modern Art, 1909-1923, S. 24.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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