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Jede kommunikative Störung wirkt als »Anomalie« und löst einen abduktiven Prozess aus, der nach den Gründen der Störung fragt, aber auch nach den Möglichkeiten der Korrektur respektive der Emendation. Abduktive Prozesse sind also der modus operandi einer »transkriptiven Bearbeitung« von kommunikativen ›Störstellen‹.34 Dadurch also, dass in einer Störung vom ersten Typ habituelle abduktive Inferenzen nicht mehr greifen, fordert die Störung in einem neuen abduktiven Schritt die transkriptive Bearbeitung ihrer selbst ein. Abduktion als Motor transkriptiver Repair-Prozesse greift deshalb so gut, weil Peirce diese Form des logischen Schlusses klar als Antwort auf Anomalien entwickelt, die mit bestehenden Hypothesen nicht mehr gefasst werden können.35 Darüber hinaus entspricht die Umkehrung der kausalen Logik in der Abduktion als »reasoning from consequent to antecedent«36 genau dem, was Jäger unter Metalepsis versteht. Die Richtung der Transkription ist bei den beiden Typen von Störung gewissermaßen umgekehrt: Während die erste Form der Störung ihre eigene transkriptive Bearbeitung auslöst, ist es bei der zweiten Form gerade die transkriptive Bearbeitung, welche die Störung hervorbringt. Gemeinsam ist beiden Formen, dass sie auf Transkription zurückgreifen müssen, um Transparenz wiederherzustellen. Transparenz bedeutet, bei Jäger37 genauso wie bei Wirths Verbindung von Abduktion und Transkription,38 immer das Ausblenden von inferentiellen Prozessen. Die beiden Formen der Störung treffen sich noch in einer weiteren Facette des peirceschen Theoriegebäudes: der Indexikalität. Diese lässt sich in zwei Unterformen, die genuine und die degenerierte Indexikalität unterteilen. Der Begriff der Degeneration ist dabei bei weitem nicht so wertend, wie er anmutet, sondern leitet sich aus mathematischer Terminologie ab. Degeneriert sind Relationen für Peirce dann, wenn sie sich in niederwertigere Relationen auflösen lassen.39 Indexikalität als durch Zweitheit geprägter Objektbezug ist also dann degeneriert, wenn sich

Indexikalität und Störung  —  47

34 Wirth: »Abduktion und

Transkription«, S. 397.

35 Vgl. Peirce: CP, 5.189. 36 Ebd., 6.469.

37 Vgl. Jäger: »Störung und

Transparenz. Skizze zur performativen Logik des Medialen«, S. 60. 38 Vgl. Wirth: »Abduktion und Transkription. Perspektiven der Editionsphilologie im Spannungsfeld von Konjektur und Krux«, S. 395.

39 Vgl. Felica E. Kruse: »Genu-

ineness and Degeneracy in Peirce’s Categories«, in: Transactions of the Charles S. Peirce Society 27.3 (1991), S. 267–298, hier S. 272.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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