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heißt, es wird erst aus der Situation der Transkription denkbar. Ist die Rekontextualisierung der Transkription erst einmal vollzogen, lässt sich ihr Effekt nicht mehr abstreifen – das Wissen, dass dieser Text über digitale Typografie in einer für den Fotosatz entworfenen Schrift verfasst ist, lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Es lassen sich nur noch Vermutungen anstellen, wie der Text ohne diesen Eingriff gewesen wäre. Störung des zweiten Typs ist damit untrennbar mit Transkription verbunden, da sie das Medium durch Bezugnahme stillstellt, rekontextualisiert und dann wieder in den Modus der Transparenz zurückführt. Die neue transkriptive Narbe des Mediums bleibt dabei genauso unsichtbar wie alle, die ihr vorausgingen, obwohl gerade sie es sind, welche die Semantik des Ganzen hervorbringen. Um zu zeigen, inwiefern auch der erste Typ Störung von Transkription geprägt ist, macht es Sinn, die performative Situation auf ihren Zusammenhang mit Abduktion hin zu untersuchen: Peirce beschreibt in seinen Ausführungen zu Wahrnehmung und Abduktion eine Reihe »hypnotic phenomena«,31 in denen die Wahrnehmung, geleitet von abduktiv geformten Hypothesen, blind für Alltägliches wird: Peirce etwa hört das halbstündliche Läuten seiner Uhr nicht mehr, und er erklärt das hohe Gehalt von Korrektoren damit, dass sie in der Lage sind, die fehlerkorrigierende Leistung ihrer Wahrnehmung abzuschalten. Tatsächlich lässt sich in okulomotorischen Untersuchungen gut zeigen, dass im ungestörten Leseprozess beileibe nicht alle Buchstaben und nicht einmal alle Wörter tatsächlich in Fixationen – also den Momenten, in denen das Auge stillsteht und einen sehr kleinen Teil der Seite scharf sieht – wahrgenommen werden. Ein guter Teil des Texts wird aufgrund von Hypothesen über seinen Inhalt konstruiert und Rechtschreibfehler deshalb einfach ›überflogen‹.32 Im Modus der Transparenz bleiben die abduktiven Inferenzen33 hinter der Wahrnehmung unsichtbar – wenn sie allerdings im Sinne einer Störung des ersten Typs nicht mehr greifen, muss ein bewusster abduktiver Prozess einsetzen:

46  —  Indexikalität und Störung

31 Peirce: CP, 5.185.

32 Vgl. Wendt: »Lesbarkeit von

Druckschriften«, S. 10f. 33 Vgl. Uwe Wirth: »Abduktion

und Transkription. Perspektiven der Editionsphilologie im Spannungsfeld von Konjektur und Krux«, in: Konjektur und Krux. Zur Methodenpolitik der Philologie, hrsg. v. Anne Bohnenkamp u. a., Göttingen: Wallstein, 2010, S. 390–413, hier S. 394.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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