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Zeug ist für Heidegger nur in der Performativität seiner Nutzung denkbar, es wird in seiner Zeughaftigkeit vergleichbar mit der baradschen Intra-Aktion produziert.11 In dieser Performanz vollzieht sich dabei ein ganz ähnlicher Vorgang wie im Medium: In der »Zuhandenheit« – also der intra-aktiven Offenbarung des Zeugs in seiner Verwendung – liegt die paradoxale Struktur, dass es, damit diese Zuhandenheit sich voll entfalten kann, gleichzeitig aus dem Fokus rücken muss.12 Auch das NägelEinschlagen kennt also Transparenz bezüglich des Hammers und zugunsten des Werks Nagel-in-der-Wand. Daraus folgt, dass Materialität, ob mit Peirce zeichentheoretisch oder mit Barad und Heidegger performativ gefasst, den gleichen – von Vertrautheit geprägten – Aggregatzustand der Transparenz durchläuft. Transparenz ist keineswegs mit Effizienz gleichzusetzen: Wenn kein Hammer zur Hand ist, eignet sich bei Rigipswänden unter Umständen auch ein robust gebundener philosophischer Band, um Nägel in die Wand zu schlagen. Auch wenn dieser Band den Zweck weniger effizient erledigt, ist er nicht vom Zurückweichen seiner Materialität im Modus der Transparenz ausgenommen. Natürlich existiert so etwas wie eine Untergrenze an Effizienz: Kissen beispielsweise dürften im Prozess des Hämmerns nicht aufgehen, da sie völlig ungeeignet sind, die Kraft der Armbewegung auf den Nagel zu übertragen. Gleichermaßen wird auch eine Schrift unterhalb einer gewissen Zeichengröße keine Transparenz erlangen können, da sie mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen ist. Ein frühmittelalterlicher Text allerdings, der nach heutigen Standards durch die Abwesenheit von Wortzwischenräumen und Gemeinen als extrem schlecht lesbar gelten dürfte, wird seinen ursprünglichen Rezipienten durchaus die Erfahrung der Transparenz eröffnet haben. Transparenz umzudefinieren, entkoppelt sie also ein Stück weit von Lesbarkeit,13 die in der Regel als Lesegeschwindigkeit operationalisiert wird:14 Schriften, die im Test schneller gelesen werden, sind nicht automatisch transparenter als ihre weniger effizienten Gegenparts.

Indexikalität und Störung  —  41

11 Hier spiegelt sich die neo-

materialistische Einsicht, dass auch Materialität nicht »ist«, sondern sich stets in materiell-diskursiven Netzwerken im Werden befindet. Vgl. Diana H. Coole/Samantha Frost: »Introducing the New Materialisms«, in: New Materialisms: Ontology, Agency, and Politics, hrsg. v. Diana H. Coole/Samantha Frost, Durham: Duke University Press, 2010, S. 1–43, hier S. 10. 12 Vgl. Markus Rautzenberg/ Andreas Wolfsteiner: »Einführung«, in: Hide and Seek. Das Spiel von Transparenz und Opazität, hrsg. v. Markus Rautzenberg/Andreas Wolfsteiner, München: Fink, 2010, S. 9–22, hier S. 13. 13 Im Kontext der Textlinguistik

würde man von »Leserlichkeit« sprechen, in der Designtheorie hat sich aber »Lesbarkeit« als Übersetzung von »Legibility« eingebürgert. Vgl. Willberg: Wegweiser Schrift. Erste Hilfe im Umgang mit Schriften. Was passt – was wirkt – was stört, S. 35. 14 Vgl. Dirk Wendt: »Lesbarkeit von Druckschriften«, in: Lesen Erkennen. Ein Symposium der Typografischen Gesellschaft München, hrsg. v. Rudolf Paulus Gorbach, München: Typografische Gesellschaft München, 2000, S. 9–64, hier S. 22.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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