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das gerade dann als Mittler erfolgreich ist, wenn es den Anschein von Unmittelbarkeit erweckt. Die jägersche Reformulierung von Transparenz erlaubt, den Begriff von den cartesianischen Altlasten zu befreien und die unhintergehbare Abhängigkeit aller Kommunikation von ihren materiellen und medialen Voraussetzungen mit der phänomenologischen Realität der Transparenz zu versöhnen. (2) Der zweite Fehlschluss des gläsernen Kelchs ist eng mit dem ersten verbunden: Poliertes Glas ohne jegliches Ornament ist an Transparenz nicht zu überbieten, also muss sich auch in der Typografie – so suggeriert zumindest die Metapher – ein letzter Schluss in Sachen Transparenz finden lassen. Transparenz wird also als materialinhärent konzipiert. Dem zugrunde liegt ein essentialistisches Verständnis von Materialität als Substanz: Die Transparenz von Glas steht fest, und genauso sollte auch die Transparenz von Typografie eine feste Größe sein. Diese Annahme ist sowohl mit dem hier entwickelten Verständnis von Materialität als Produkt von Performanz wie mit der jägerschen Transparenz unvereinbar: Die Annahme, dass es sich bei Transparenz um eine temporäre Blindheit für die konstitutiven Abläufe des Mediums handelt, schließt immer die Möglichkeit mit ein, dass sich die Aufmerksamkeit verschiebt und gerade diese Abläufe thematisiert werden. Transparenz ist damit nicht länger materialinhärent, sondern wird zu einem Aggregatzustand der medialen Verarbeitung.9 Dass dieser Befund einer operativen Transparenz nicht nur für mediale Szenarien greift, wie sie Wardes und Jägers Ausführungen leiten, zeigt ein kurzer Blick auf Heideggers Konzept des »Zeugs«:

Ein Zeug »ist« strenggenommen nie. Zum Sein von Zeug gehört je immer ein Zeugganzes, darin es dieses Zeug sein kann, das es ist. Zeug ist wesenhaft »etwas, um zu… «. Die verschiedenen Weisen des »Um-zu« wie Dienlichkeit, Beiträglichkeit, Verwendbarkeit, Handlichkeit konstituieren eine Zeugganzheit. In der Struktur »Um-zu« liegt eine Verweisung von etwas auf etwas.10

40  —  Indexikalität und Störung

9 Vgl. Jäger: »Störung und

Transparenz. Skizze zur performativen Logik des Medialen«, S. 59.

10 Martin Heidegger: Sein

und Zeit, 11. unveränderte Aufl., Tübingen: M. Niemeyer, 1967, S. 68.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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