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let which is worthy to hold the vintage of the human mind«.4 Hier verläuft also der cartesianische Schnitt entlang der Innenränder des kristallenen Bechers. Für eine dyadische Kommunikationssituation bedeutet diese Metapher, dass ein Sender seinen Geist in den Kelch ergießt, diesen Kelch an den Empfänger reicht, der ihn dann – hoffentlich ungestört durch das Glas – wieder entleert und so den Geist des Senders in sich aufnimmt. Diese Form der Gedankenübertragung5 als Idealbild der Kommunikation impliziert, dass Transparenz sich auf den vormedialen Geist jenseits des Kelches bezieht. Der Blick auf die gedruckte Seite penetriert also die Weltengrenze zum Ideellen und gibt, dank der Selbstlosigkeit seiner materiellen Verpackung, die Sicht auf die Gedanken des Autors frei. Die Idee des Abstreifens von Materialität als Zugang zum Gedanken des Senders widerspricht allerdings empirischen Daten, die zeigen, dass die Augen des Lesers – selbst wenn ein Text auf einem Bildschirm ausgeblendet wird – bei der Verarbeitung an die Stellen zurückwandern, an denen für die Verarbeitung relevante Abschnitte dargestellt wurden.6 Weiterhin gibt es Studien, die nahelegen, dass gerade in ihrer Gestaltung schwerer zugängliche Texte bessere Lernleistungen hervorrufen.7 Das repräsentationistische Verständnis von Zeichen, welches Wardes Modell prägt, kann nicht die Grundlage für die Analyse von Transparenz in der Typografie bilden. Es stellt sich also die Frage, wie sich Transparenz als phänomenologische Erfahrung im Mediengebrauch theoretisch fassen lässt, ohne die Errungenschaften der modernen Semiotik und Medienwissenschaft fallen zu lassen. Hier bietet sich Ludwig Jägers Reformulierung von Transparenz an, in der diese gerade nicht durch den Blick auf Vormediales charakterisiert wird: Der Realismus eines Mediums speist sich demnach nicht aus einem Abbildungsverhältnis über die cartesianische Grenze hinweg, sondern aus einer temporären Blindheit für die medialen und materiellen Voraussetzungen der Rezeptionssituation.8 Anders formuliert: Die Mittelbarkeit des Mediums ist unumgänglich, Transparenz bedeutet nur, sie zu ignorieren. Hierin liegt die Paradoxie des Mediums,

Indexikalität und Störung  —  39

4 Warde: »The Crystal Goblet,

or Why Printing Should Be Invisible«, S. 43.

5 Vgl. ebd., S. 40.

6 Vgl. Gross: Lese-Zeichen:

Kognition, Medium und Materialität im Leseprozess, S. 9. 7 Vgl. Connor Diemand-Yauman/ Daniel M. Oppenheimer/ Erikka B. Vaughan: »Fortune Favors the Bold (and the Italicizied). Effects of Disfluency on Educational Outcomes«, in: Cognition 118.1 (2011), S. 111–115, hier S. 113f.

8 Vgl. Jäger: »Störung und

Transparenz. Skizze zur performativen Logik des Medialen«, S. 61.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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