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5.1 Transparenz Bevor die am Ende des letzten Kapitels gelegte Spur zur Verbindung von Materialität und Störung weiter verfolgt werden kann, muss noch einmal ein Schritt zurück zu Wardes gläsernem Kelch als Metapher für Transparenz gemacht werden. Wardes Modell wurde im letzten Kapitel vor allen Dingen deshalb kritisiert, weil es ein im Kern rein symbolisches, amediales Schriftverständnis vertritt und das Außen der Materialität als Raum festmacht, in den alle Aspekte der Schrift ausgelagert werden, die diesem Schriftverständnis widersprechen. Trotz dieser Kritik scheint Wardes Glaskelch eine phänomenologische Dimension der Schrift anzusprechen, die nicht völlig von der Hand zu weisen ist: Beim Lesen eines Romans hängt der Leser nicht an jedem einzelnen Buchstaben bzw. dessen typografischer Formatierung, und die gedruckte Seite scheint tatsächlich zugunsten ihres narrativen Gehalts zu verschwinden. Das gleiche gilt allerdings für die (dia)grammatischen Regeln der Schrift, in welcher der Roman verfasst ist – Wardes Beobachtung der Gläsernheit bis zu einem gewissen Punkt zuzustimmen, bedeutet deshalb nicht, Typografie nun doch wieder allein mit Materialität zu identifizieren. Die an-aisthesierende Wirkung des Mediums bezüglich seiner selbst, die hier zum Ausdruck kommt, gehört vermutlich zu den grundlegenden Erkenntnissen der Medientheorie und lässt sich von frühen Formulierungen wie etwa bei Fritz Heider1 quer durch ihre Geschichte verfolgen.2 Sie lädt allerdings zu zwei Fehlschlüssen ein, die sich an der Metapher des Glaskelchs festmachen lassen: (1) Der erste Fehlschluss kann als Spätfolge eines cartesianischen Innen/Außen-Dualismus oder in den Termini Sybille Krämers als Produkt der Zwei-Welten-Ontologie3 verstanden werden: Der Kelch wird als rein materielles Außen für einen rein geistigen Inhalt verstanden, der dem Kelch vorausgeht – in Wardes Weinmetapher gefasst: »[a] crystalline ���������������� gob-

38  —  Indexikalität und Störung

1 Vgl. Fritz Heider: »Ding

und Medium«, in: Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, hrsg. v. Claus Pias u. a., Stuttgart: DVA, 1999, S. 319–333, hier S. 323. 2 Vgl. Sybille Krämer: »Zur Sichtbarkeit der Schrift oder: Die Visualisierung des Unsichtbaren in der operativen Schrift. Zehn Thesen«, in: Die Sichtbarkeit der Schrift, hrsg. v. Susanne Strätling/Georg Witte, München: Fink, 2006, S. 75–84, hier S. 76. 3 Vgl. Sybille Krämer: »Sprache – Stimme – Schrift: Sieben Thesen über Performativität als Medialität«, in: Kulturen des Performativen, Sonderband Paragrana, Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, hrsg. v. Erika Fischer-Lichte/Doris Kolesch, Berlin: Akademie Verlag, 1998, S. 33–57, hier S. 34.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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