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hervorbringt, wird es möglich, die Semiose als eine von zahlreichen Performanzen zu begreifen, die an der materiellen Konstitution eines Dings beteiligt sind. Nichtsdestotrotz bedeutet die Unterordnung des Semiotischen in eine größere Menge von Performanzen einen Bruch mit dem Allmachtsanspruch des Zeichens. Gewonnen wird durch die nicht-dualistische Sicht auf Performanzen von Barad ein Zugang zu Materialität, der keiner Innen/Außen-Logik gehorchen muss und materielle Agency nicht nur in ihren performativen Möglichkeiten, sondern gerade in ihren Beschränkungen darstellen kann. So wird es möglich, auch zeichentheoretische Materialität nicht mehr nur als »Steigbügelhalter des Sinns«52 zu konzeptionalisieren, sondern zu fragen, wo sie sich im Prozess der Semiose eben dieser in den Weg stellt und nicht durch Signifikanz, sondern durch Widerständigkeit wirkt53 und auf sich aufmerksam macht – wie Dieter Mersch zeigt, eine Dimension von Materialität, die auch für die Schrift und ihre typografische Dimension eine zentrale Rolle spielt:

Grundsätzlich auch den Möglichkeiten des Textes angehörend und dort vor allem durch die Typographie, die Indirektheit der Stellung, die Segmentierung der Textteile, ihre Organisation oder durch Vokabularien der Ironie, der Auflösung und Konfusion bis zur Sinnlosigkeit anzeigbar, aus deren Repertoire besonders die moderne Lyrik geschöpft hat, kristallisiert sie eine besondere Kreativität in der Rede, die die Register der Schrift unablässig zu hemmen oder zu stören erlaubt.54 Materialität kann also, selbst da, wo sie in dem Sinne stumm bleibt, dass von ihr keine Form von Repräsentation ausgeht, dadurch Einfluss nehmen, dass sie sich widerständig zeigt – dass sie stört. Dieser Spur, die sich einerseits in Dieter Merschs Verständnis von Materialität als Ereignis und andererseits bei Karen Barads Zusammenhang von Intra-Aktion und Constraints55 finden lässt, soll im folgenden Kapitel nachgegangen werden.

36  —  Repräsentamen und Materialität

51 Vgl. Barad: »Posthumanist

Performativity: Toward an Understanding of How Matter Comes to Matter«, S. 808.

52 Vgl. Krämer: »Operationsraum

Schrift. Über einen Perspektivwechsel in der Betrachtung der Schrift«, S. 26.

53 Vgl. Karen Barad: »Agential

Realism. Feminst Interventions in Understanding Scientific Practices«, in: The Science Studies Reader, hrsg. v. Mario Biagioli, New York: Routledge, 1999, S. 1–11, hier S. 2.

54 Mersch: Was sich zeigt:

Materialität, Präsenz, Ereignis, S. 122.

55 Vgl. Barad: »Agential

Realism. Feminst Interventions in Understanding Scientific Practices«, S. 2.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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