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Extrem großformatige Bücher werden beispielsweise selten in Bussen gelesen. Dass der Grund dafür in dem Bezug zwischen Gewicht und Größe des Buches und dem Sitz-Arrangement im Bus besteht, liegt nahe – gleichzeitig wäre es extrem problematisch, Eigenschaften wie Gewicht und Größe von Büchern als ahistorisch und kulturell unbeleckt zu konstruieren. Die Suche nach Materialität jenseits der Zeichentheorie würde so zwangsläufig in einer Form von Essentialismus münden. Auf der Basis von Karen Barads Überlegungen zu Materialität soll hier deshalb angenommen werden, dass es erst die Performanz des Im-Bus-Lesens ist, die Bus, Leser oder Leserin und Buch in diesem Moment mit hervorbringt. Barad entwickelt hierfür den Begriff der »Intra-Aktion«, also eines Vorgangs, der die in ihm agierenden Agenten gleichsam erst hervorbringt und nicht wie eine Interaktion voraussetzt.47 Diese Form der Hervorbringung entspricht dem reziproken Prozess, der hier für die Semiose beansprucht wurde: In beiden Fällen gehen die beteiligten Entitäten der Performanz nicht voraus, sondern sind vielmehr metaleptisches Produkt eben dieser Performanz. Auch wenn hier also nach Zugängen zu Materialität jenseits der Semiose gesucht werden soll, führt dieser Weg nicht zu nackter Stofflichkeit, die sich in der Typografie offenbart. Materialität bedeutet, um es mit Dieter Mersch auszudrücken, »nicht ›Substanz‹, so wenig wie die Stofflichkeit des Stoffes oder ein Medium, sondern wie bereits angeklungen: ›Ereignis‹.«48 Abbildung 4.1 zeigt, wie komplex der Leseprozess als Performanz sein kann: Die orthogonale Ausrichtung der beiden Redestränge zwingt, die Seite oder wenigstens den Kopf zu drehen, um auch den um 90 Grad gedrehten Teil des Gesprächs zu rezipieren.49 Damit durchbricht Andrew Longs »Humm 005.1« die körperliche Stillstellung, die sich westliche Leser und Leserinnen im Verlauf ihres Lese-Lernprozesses aneignen, und rekonfiguriert so ihre Materialität genauso wie die der Drucksache. Dass es sich bei der Drucksache um ein frühes Emigre-Heft mit den stattlichen Maßen 29 x 43 cm handelt, spielt in diesem Prozess ebenfalls eine Rolle – wiederum nicht als der Performanz

34  —  Repräsentamen und Materialität

47 Vgl. Barad: »Posthumanist

Performativity: Toward an Understanding of How Matter Comes to Matter«, S. 815.

48 Mersch: Was sich zeigt:

Materialität, Präsenz, Ereignis, S. 180.

49 Vgl. dazu auch Gross:

Lese-Zeichen: Kognition, Medium und Materialität im Leseprozess, S. 69.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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