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Die peirceschen Kategorien in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit machen klar, dass der Prozess reziprok modeliert werden muss. Wo keine Qualitäten oder wenigstens die Möglichkeit solcher Qualitäten wahrgenommen werden, kann – evidenterweise – auch kein Zeichen wirken, umgekehrt bedarf das Zeichen aber Regelhaftigkeit, um aus der möglichen Menge Qualitäten relevante auszuwählen. Der Prozess entspricht damit einer ternären Variante dessen, was in neueren Saussure-Interpretationen als Arbitrarität im Sinne einer »logische[n] Vorrangigkeit des synthetischen Zeichenganzen vor seinen Teilen«43 diskutiert wird. Signifié und Signifiant gehen also dem Zeichen nicht als distinkte Größen voraus, sondern entspringen erst der reziproken Dynamik der Semiose. Diese Reziprozität bedeutet im Kontext des peirceschen Repräsentamens, dass die Qualizeichenebene über das von Legizeichen definierte Bündel von Qualitäten hinaus einen nicht regelhaften, aber doch signifikanten Überschuss mitbringen kann, der bei der Definition von Tone als auditivem Pendant des Tinge deutlich wird:

An indefinite significant character such as a tone of voice can neither be called a Type nor a Token. I propose to call such a Sign a Tone […].44 Im Ton der Stimme haftet also ein Rückstand, welcher der Körperlichkeit ihres Sprechers und der spezifischen Performanz der Rede entspringt. Dieser Aspekt in der peirceschen Zeichenkonzeption ist hochinteressant, da er erlaubt, schriftliche und mündliche Materialität ein Stück weit aus der Abhängigkeit des Legizeichens zu lösen und ihm eine materielle Eigendynamik zuzusprechen, die sich aus der Performanz der ZeichenSetzung ergibt. Gleichzeitig muss allerdings klar sein, wie wenig Raum das Qualizeichen mit seiner vagen Qualitätsempfindung bietet – auch wenn das Verständnis von Typografie die Betrachtung von Qualizeichen beinhaltet, kann hier allein nicht der Raum sein, auf den sich dieses Verständnis begrenzt.

32  —  Repräsentamen und Materialität

43 Ludwig Jäger: »Der saussu-

resche Begriff des Aposème als Grundlagenbegriff einer hermeneutischen Semiologie«, in: Zeichen und Verstehen. Akten des Aachener Saussure-Kolloquiums, hrsg. v. Ludwig Jäger/Christian Stetter, Aachen: Rader, 1986, S. 7–33, hier S. 15.

44 Peirce: CP, 4.537.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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