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diese Weise allerdings sehr viel gewonnen. Diese Entscheidung ist der notwendige Schluss aus der Überzeugung, dass es sich bei Schrift um ein eigenständiges Medium und nicht um eine reine Abbildung von Mündlichkeit oder einem übermedialen Sprachsystem handelt. Das Sinzeichen als Replika, die nötigerweise die Existenz eines Legizeichens voraussetzt, bildet allerdings nicht die Gesamtmenge aller Sinzeichen. Es ist auch durchaus denkbar, dass ein Sinzeichen ohne präexistente Regel erzeugt wird, dessen Bedeutsamkeit dann allein in seiner eigenen Existenz fußt.40 Hier stellt sich allerdings die Frage, inwieweit die Wiederholbarkeit eines solchen Zeichens, und damit eine basale Eigenschaft aller Zeichen, gegeben ist. Geht man von der Replika als Standardsituation der Schrift aus, scheint der Zusammenhang im Repräsentamen klar: Was über Qualizeichen an Materialität ins Sinzeichen eingebracht wird, hängt vom Legizeichen ab. Alle anderen Qualitäten des Zeichens können variiert werden, ohne dass es die Bedeutung beeinflusst:

Whatever feature of a sign of this system is not subject of any express convention can be varied indefinitely, without affecting the meaning of the sign.41 Peirce spricht an dieser Stelle von Diagrammen, also ikonischen Legizeichen, betrachtet unabhängig ihrer individuellen Spezifizität,42 aber seine Aussage kann auf alle Legizeichen verallgemeinert werden: Qualitäten, die nicht von einem Legizeichen gefasst werden, können ohne Konsequenzen für die Semiose verändert werden und haben folglich keinen direkten Einfluss auf Bedeutung. Versteht man Materialität als ein Zusammenspiel von Sin- und Legizeichen, bedeutet dieser Zusammenhang, dass eine solch semiotische Materialität immer nur vor dem Hintergrund ihrer Zeichenfunktion gesehen werden kann. Materialität ist also nicht unverdaute Realität, sondern ein Produkt der Semiose. Dabei kann der Prozess allerdings nicht allein top-down vom Legizeichen aus verlaufen:

Repräsentamen und Materialität  —  31

40 Vgl. Helmut Pape: »Einlei-

tung«, in: Charles Sanders Peirce. Semiotische Schriften, hrsg. v. Christan J. W. Kloesel/Helmut Pape, Bd. 2, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1990, S. 7–82, hier S. 49f.

41 Charles Sanders Peirce: The

New Elements of Mathematics, hrsg. v. Carolyn Eisele, Bd. 1-4, Hague: Mouton Publishers, 1976,3/1:407. 42 Vgl. Peirce: CP, 2.258.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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