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Typo- oder Manuskript eines Autors ist, zwischen dessen Verbindung zum Publikum sich der Typograf als Dritter stellt.15 So liegt es nahe, dem Text einen ›eigentlichen‹ Inhalt zu unterstellen, zu dem eine typografische Sprache dann einen Bezug herstellt. Damit wird aber gleichzeitig ein klassisches Schriftverständnis geschützt, das im Kern amedial und rein symbolisch operiert und erst in einem zweiten Schritt medial und materiell ergänzt wird. Die Gegenposition hieße Typografie ist Inhalt: Der Typograf fügt also nicht einfach eine zweite Sprache hinzu, sondern transkribiert ein bereits typografisch verfasstes Typo- oder Manuskript in eine (typo-)grafisch versiertere Fassung. Typografische Gestaltung wird somit zu einem Translations- bzw. Transkriptionsprozess. Die Figur des Bezugs vom Außen zum Innen findet sich allerdings nicht nur bei Willberg – auch in der Literaturwissenschaft lassen sich ähnliche Ansätze ausmachen: So bestimmt Gérard Genette alle Ergebnisse typografischer Entscheidungen als materielle Paratexte.16 Auch hier bleibt der Typografie also kein Ort als das Äußere des Zeichens. Dieses Außen besitzt – analog zu Willberg, wenn auch etwas zurückhaltender – immer die Möglichkeit zur Mitwirkung, »denn das bloße Abschreiben – aber auch die mündliche Weitergabe – verschaffen der Idealität des Textes eine schriftliche oder lautliche Materialisierung, die sich […] paratextuell auswirken kann.«17 Auch hier lauert im Kern die amediale Sprache, die sich sowohl lautlich wie schriftlich materialisieren lässt und auf die dann materielle paratextuelle Kräfte einwirken. Einen ähnlichen Weg schlägt auch Susanne Wehde in »Typografische Kultur« ein, wenn sie versucht, Schrift von zwei disparaten Perspektiven aus zu erklären:

1. als sekundäres Zeichensystem und 2. als Zeichenträger (Zeichenmittel, Ausdruckssubstanz).18 Schrift ist für sie sekundär, da sie »(Laut-)Sprache« abbildet – eine Position, die in der Textlinguistik als Dependenzhypothese diskutiert wird.19 Die hier aufgestellte Behauptung, dass Typografie Inhalt sei, muss dieser

26  —  Repräsentamen und Materialität

15 Vgl. Willberg/Forssman:

Lesetypographie, S. 27.

16 Vgl. Gérard Genette:

Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2001, S. 14.

17 Ebd., S. 11.

18 Wehde: Typographi-

sche Kultur, S. 64.

19 Christa Dürscheid: »Schrift

– Text – Bild: Ein Brückenschlag«, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 35 (2007), S. 269–282, hier S. 275.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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