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sich allerdings nur wenige Jahre später, traumatisiert durch den Nationalsozialismus, dem ästhetischen Programm des New Traditionalism deutlich annähern – bei gleichbleibenden epistemischen Überzeugungen. Diese Wende und die ursprüngliche Widersprüchlichkeit der beiden Positionen bei einem sehr ähnlichen theoretischen Hintergrund zeigt, wie fragil der Anspruch absoluter Transparenz spezifischer materieller Parameter ist. (2) Auch wenn Tschicholds und Wardes Positionen das Grafikdesign bzw. die Typografie bis heute prägen, finden sich durchaus Stimmen, welche die zweite mögliche Konsequenz aus der Identifikation von Materialität und Typografie stark machen: dass Materialität nie gänzlich transparent sein kann, sondern immer das Potenzial in sich birgt mitzuwirken. Eine solche Position vertritt beispielsweise der deutsche Typograf Hans Peter Willberg:

Die Formen der Buchstaben sind ein unablösbarer Bestandteil des Transportmittels Typografie, jedes Zeichen ist eine abstrakte Form, die für sich spricht und zugleich eine Bedeutung hat und umgekehrt: Jeder Buchstabe hat nicht nur seinen Platz im Wort, sondern er ist zugleich selbstständig sprechende Form.12 Typografie ist für Willberg unausweichlich opak und eröffnet eine eigene Bedeutungsdimension, gleichzeitig bleibt sie aber Vehikel und Verpackung für einen ihr vorgängigen Inhalt, wie er auch in »Lesetypografie« deutlich macht: »Schrift nimmt Bezug zum Inhalt,13 jede Schriftwahl ist Interpretation, ›neutrale‹ Schriften kann es nicht geben.«14 Auch wenn Willberg so die bewusste Arbeit mit typografischen Parametern rechtfertigt, teilt er dennoch die Überzeugung über den Ort, der der Typografie zukommt, mit Warde und Tschichold: außen, als materielles Vehikel – wiederum drängt sich der Vergleich zum shannonschen Kommunikationsmodell auf. Willbergs Position leitet sich auch aus der beruflichen Stellung des Typografen ab, dessen Arbeitsgrundlage in der Regel ein

Repräsentamen und Materialität  —  25

12 Willberg: Typolemik. Streif-

lichter zur Typographical Correctness, S. 210.

13 Diese Formel bildet auch bei-

spielsweise die Grundannahme für die designtheoretische Arbeit von Albert Ernst: vgl. Albert Ernst: Wechselwirkung. Textinhalt und typografische Gestaltung, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2005.

14 Willberg/Forssman:

Lesetypographie, S. 72, Auszeichnung im Original fett.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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