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Eines der grundlegenden Ziele der peirceschen Philosophie ist ihr Nutzen als wissenschaftliches Werkzeug. Gemeint ist eine Form von Wissenschaftlichkeit, die sich aus der angewandten Mathematik und vor allen Dingen den Naturwissenschaften ableitet. Diese grundlegende Einstellung zur Philosophie hat weitreichende Konsequenzen – eine davon ist, dass Theorien als Werkzeuge der Erkenntnis stets selbst auf dem Prüfstand stehen und revidiert werden müssen. Das führt bei Peirce in über vierzig Jahren semiotischer Entwicklung zu einem sowohl diachron wie synchron sehr komplexen Theoriegebäude. Mit diesem Theoriegebäude zu arbeiten, heißt immer, Schnitte anzusetzen und die Vor- und Nachteile verschiedener Entwicklungsstufen und Terminologien gegeneinander abzuwägen. Ein entscheidender Schnitt soll hier 1903 ansetzen: Binnen nur einem Monat1 entstand in diesem Jahr der »Syllabus« als Begleitlektüre zu den Lowell-Vorlesungen, in dem Peirce die heutzutage verbreitetste Fassung seiner Zeichentaxonomie entwickelt. In den folgenden fünf Jahren sollten noch zahlreiche Erweiterungen dieser Taxonomie folgen, welche die zehn Zeichenklassen des Syllabus bis auf die berühmten zehn Triaden und resultierenden 66 Zeichenklassen vergrößert.2 Auch wenn diese Entwicklungen im Weiteren nicht völlig ignoriert werden sollen, können sie nicht die Grundlage der Untersuchung bilden, da der Gewinn an Erklärungskraft in keinem Verhältnis zu der exponentiell steigenden Komplexität steht. Diese Situation wird durch die problematische Editionslage noch verschärft – die späten peirceschen Gedanken bleiben deshalb oft sehr skizzenhaft. Eine der Konstanten, die sich durch den Großteil der peirceschen Philosophie zieht, ist seine Faszination für die Zahl Drei.3 Diese schlägt sich zwischen 1880 und 1890 in den drei relationenlogischen Kategorien der Erst-, Zweit und Drittheit nieder,4 die in seinem späteren Denken eine zentrale Position einnehmen: Erstheit steht hierbei für die Monade ( )5 – erkenntnistheoretisch gesehen eine gleichermaßen faszinierende und problematische Größe:

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Zur peirceschen Semiotik  —  15

1 Vgl. T. L Short: Peirce’s

Theory of Signs, Cambridge: Cambridge University Press, 2007, S. 237.

2 Vgl. ebd., S. 238.

3 Vgl. Charles Sanders Peirce:

Collected Papers of Charles Sanders Peirce. Electronic Edition, hrsg. v. Charles Hartshorne/Paul Weiss, (zitiert mit Band- und Absatznummer), Charlottesville: InteLex., 1994, 1.355. 4 Vgl. Klaus Oehler: Charles Sanders Peirce, München: C.H. Beck, 1993, S. 55. 5 Die Kategorien entspringen

einer diagrammatisch gedachten Relationenlogik. Deshalb sollen sie hier auch diagrammatisch exemplifiziert werden.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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