__MAIN_TEXT__
feature-image

Page 175

wird. Leserbriefe von Studierenden, die Form+Zweck erst neu für sich entdecken, fallen generell positiver aus. Störung entsteht hier vor allen Dingen durch den Bruch mit lange gewachsenen Erwartungshaltungen. Rückblickend spricht Jörg Petruschat in Ausgabe 13 (1996) – dem ersten Heft, das nicht mehr von Haufe und Fiedler gestaltet wird – von einer »Attacke auf die Schriftkultur, die auch form+zweck geritten hat«.248 248Jörg Petruschat: »Editorial«, in: Form+Zweck 13 (1996), Hintergrund dieses Befunds ist die zweite von FUSE organisierte KonfeS. I–III, hier S. II. renz im November 1995, bei der auch David Carson in Berlin vorträgt und der Frage des »End of Print« nachgeht. Als Gegenmittel zur drohenden Analphabetisierung der Jugend macht er dabei gerade die Störung stark, da diese wieder Lust an der Schrift wecke.249 Der ikonischen Aufladung 249Ebd., S. I. der Worte steht Petruschat allerdings sichtlich kritisch gegenüber: »Was ist hier los, wenn Analphabetismus mit Bilderflut bekämpft werden soll 250Ebd. […]?«250 Stattdessen soll Form+Zweck Nr. 13 ein Heft zum »Lesen«251 251Ebd., S. II. sein. Nicht nur die grundsätzliche Ablehnung von Carsons Störungsprogramm drückt sich in Petruschats Editorial aus – für ihn ist diese Form des Designs gleichermaßen fehlgeleitet wie ermüdet: Petruschat sieht die »Attacke auf die Schriftkultur« im Mainstream und damit in der Werbung angekommen.252 Auch wenn man Petruschats Bestimmung des 252Vgl. ebd. »main-stream« nicht teilt, lässt sich Carsons Einfluss auf die amerikanische Werbelandschaft 1996 nicht leugnen. In Petruschats Editorial drückt sich somit noch einmal der Zwiespalt253 aus, der Form+Zweck bestimmt: Der konzeptionelle und gestal- 253Vgl. dazu auch MichèleAnne Dauppe: »Form and terische Bruch mit der eigenen Tradition ist 1990 redaktioneller Konsens, Purpose«, in: Eye 17 (1995), und doch bleibt das Magazin reserviert gegenüber der Kritik am moderS. 44–51, hier S. 50. nistischen Transparenzdogma, die im englischsprachigen Design Critism diskutiert und vollzogen wird. Form+Zweck führt deshalb auch nach 1995 die mikrotypografische Strenge der früheren Hefte fort. Fortgeführt wird in Nr. 13, so wie in späteren Ausgaben, aber auch das materielle und makrotypografische Experiment. Auch wenn die Formen der Widerständigkeit damit deutlich andere sind als etwa in Frontpage, verbindet

Störungen in der digitalen Typografie  —  171

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Advertisement

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded