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Grotesque ab und zeigt stattdessen eine stark vergrößerte Bitmap-Schrift mit schlechtem Hinting und deshalb sehr ungleichmäßiger Strichstärke. Auf der ersten Seite sind die Worte »großer« und »reparieren« verzerrt, die oberen Pixel deutlich nach links (bei »großer«) bzw. rechts (bei »reparieren«) verschoben – vergleichbar also mit der zeilenweisen Verzerrung, die ein reparaturbedürftiger Kathodenstrahl-Monitor erzeugen kann. Dieser Verweis auf Digitalität zieht sich auch durch die folgenden Seiten, auf denen Überschriften immer wieder in weichgezeichneter Bitmap-Chicago gesetzt sind. Zu diesem Zeitpunkt existiert schon länger eine von Bigelow und Holmes vektorisierte Fassung der Schrift. Der Einsatz von BitmapSchriften ist hier also ein deutlicher Verweis auf den Bildschirm. Nachdem das Thema der digitalen Typografie selbst fünf Jahre lang marginalisiert wurde, bringt die »Reparatur« es zum Vorschein. Das ist interessant, weil die Verhandlung des Computers als Störquelle im Heft gerade unter dem Titel »Unsichtbarkeit des Falschen«246 diskutiert wird – hier stehen also wiederum Unmotiviertheit und Immaterialität algorithmischer Prozesse im Vordergrund. Das fehlende Hinting im Editorial dagegen rückt eine Form von Störung in den Fokus, die nicht arbiträre Visualisierung eines Rechenfehlers, sondern unmittelbare Abbildung eines algorithmischen Problems ist – des gleichmäßigen Einpassens von vektoriellen Formen auf ein Pixelraster. Hier scheinen Haufe und Fiedler aus ihrer persönlichen Störungs-Erfahrung dem Rest der Redaktion voraus zu sein, welche erst mit Ausgabe 14 (1997) die Auswirkungen der digitalen Medien auf das Design zum zentralen Thema macht. Dass nicht erst Ausgabe 11+12 Störungen provoziert, belegen die Leserbriefe der ersten Ausgaben (mit Nr. 6 wird 1992 der Abdruck von Leserbriefen eingestellt). Gerade in Ausgabe 1 werfen ein Großteil der abgedruckten Leserbriefe dem Heft mangelnde Lesbarkeit vor.247 Die herbe Kritik zu Beginn hängt sicherlich mit dem Widerspruch zusammen, dass Ausgabe 0 einen sehr deutlichen konzeptionellen Bruch vornimmt, aber gleichzeitig der bestehende Abonnentenkreis beibehalten

170  —  Störungen in der digitalen Typografie

246 Vgl. Hans G. Helms/Jörg

Petruschat: »Unsichtbarkeit des Falschen«, in: Form+Zweck 11+12 (1995), S. 25–31, hier S. 25.

247 Vgl. Thilo Hilpert u. a.: »Es

haben uns geschrieben«, in: Form+Zweck 1 (1991), S. 61.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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