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Page 173

steht die handwerkliche Singularität der Reparatur gegenüber, die deshalb problematisch ist, weil sie nicht nur die Replika instandsetzt, sondern aus ihr ein Unikat konstruiert. Gleichzeitig ergibt sich die Notwendigkeit der Reparatur unweigerlich aus dem ökologischen Diskurs, den Form+Zweck Anfang der Neunziger verhandelt. Jörg Petruschat stellt den Widerspruch zwischen Konsumgesellschaft und Reparatur zynisch heraus:

es [das Reparieren] versagt die befreiende lust, die im wegwerfen liegt, versagt den selbstgenuß an der eroberten sprosse in der konsumistischen gesellschaft […].244 Wie Abbildung 7.47 zeigt, ist das gesamte Heft – ausgenommen ist nur das Titelblatt – mit acht Bohrlöchern versehen. Diese Bohrlöcher beherbergen vier jeweils zweiteilige Nieten. Geliefert wird das Heft als verschlossenes Paket: auf der einen Seite mit einer Klebebindung – vergleichbar mit der eines Schreibblocks – und auf der anderen von einem perforierten Umschlag zusammengehalten. Löst man den Umschlag von der Klebebindung, gibt er den Blick auf die Nietenteile frei. Mit diesen Nieten und einem Hammer lässt sich die eigentliche Bindung des Heftes anbringen, und der nun überflüssige Teil des Umschlags kann an der Perforation abgerissen werden.245 Das Heft selbst ist also reparaturbedürftig und macht wie schon Ausgabe 1 den Zusammenhang zwischen Performanz und Materialität sehr deutlich: Die Performanz der Hammerschläge macht nicht nur ihr vorausliegende Materialität sichtbar, sondern bringt sie als verformte Nieten erst hervor. Den acht Bohrlöchern liegt damit gleichzeitig das Zeug für die Nivellierung der gestörten Bindung bei, und sie stellen selbst eine Störung dar, die sich durch die Seiten frisst und dabei zumindest im Editorial den Textkörper verletzt. Neben der Störung der Durchlöcherung zeigt das Editorial auch einen für die von Grappa und Cyan bestimmte Phase von Form+Zweck untypischen Einsatz von mikrotypografischer Störung: Das Editorial weicht zum ersten Mal von der Bureau

Störungen in der digitalen Typografie  —  169

244 Aus: Jörg Petruschat:

»Editorial«, in: Form+Zweck 11+12 (1995), S. 2f.

245 Die Originalanweisungen

auf dem Umschlag lauten: »ACHTUNG 1 HIER VORSICHTIG LÖSEN 2 ZWEI DER DREI RÜCKENPAPPEN ENTFERNEN 3 MIT GESCHLOSSENEM DECKEL UMDREHEN 4 AUFSCHLAGEN 5 KLAPPE AN DER PERFORATION ABTRENNEN 6 NIETEN ENTNEHMEN 7 AM RÜCKEN VERNIETEN«. »Achtung« ist gesperrt und alle Zahlen sind invertiert in Kreisen abgebildet. Ohne Autor: »Versandumschlag«, in: Form+Zweck 11+12 (1995).

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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