__MAIN_TEXT__
feature-image

Page 166

Schnitt des Vorspanns Eigenheiten im Vergleich zu modernistischen ostdeutschen Schriften wie der »Super Grotesk« oder »Maxima« zeigt, bleibt in der Kolumne doch ein Stück typografische Moderne erhalten. Der Widerstand liegt im Detail: Absätze werden nicht durch Weißraum erzeugt, sondern sind durch Kreise in x-Höhe markiert. Die klassische Absatz-Diagrammatik des Weißraums wird ausgehebelt, der Leerraum in der ersten Kolumne der rechten Seite erfüllt keine Strukturfunktion, sondern ist visualisiertes Schweigen: Er trennt das Wort »vor-kommt« in Suckows Behauptung »Höfliches Schweigen ist eine Art, sich zu äußern, die im Spektrum moderner Kommunikationsformen und Sprachen nicht mehr vorkommt.«223 Auch eine von der Schriftgröße getragene Informationshierarchie löst die Doppelseite auf – die Überschrift ist nicht in großen Buchstaben über dem Text zu finden, sondern hängt um 90 Grad gedreht an ihm – ein rechter Winkel weist indexikalisch den Weg in den Text. Der Zwiespalt, in dem Form+Zweck zu Beginn operiert, eröffnet dem Heft allerdings auch Themenkomplexe, die anderenorts erst später entdeckt werden: Von Beginn an ist nicht nur Design im ehemaligen Osten, sondern auch Ökologie ein zentrales Thema, das auch von der Konsumkritik des Hefts zehrt. Der Blick des Produktdesigns, der gleichermaßen nach Gebrauch wie Visualität fragt, schlägt sich dabei auch in der Gestaltung des Magazins nieder. Wie kaum ein anderes Periodikum erfindet sich Form+Zweck immer wieder neu, was Handhabung und Papier betrifft. Auffallend etwa in Ausgabe 1, für die DDR-Papierbestände224 genutzt wurden und bei dem sich der bestempelte Umschlag aus Packpapier schon taktil deutlich vom Magazin-Standard abhebt. Das klammergebundene Heft wird unbeschnitten ausgeliefert, die einzelnen Seiten hängen also noch gemäß der ursprünglichen Faltung der Druckbögen an der Seite oder unten zusammen und müssen vom Leser aufgeschnitten werden. Damit erzwingt Nr. 1 eine Auseinandersetzung mit dem Heft, die zwar dem Lesen zuarbeitet, aber doch die Materialität der Seiten in der Performanz des Schneidens völlig anders konstituiert. Anders als Nr. 0 ist das

162  —  Störungen in der digitalen Typografie

223 Vgl. Suckow: »In der DDR

heißt Plastik Plast«, S. 17.

224 Vgl. Interview Haufe/

Fiedler 5.12.2011.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Advertisement

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded