Page 165

zuarbeitet –, erscheinen die Fotos jenseits des Wechsels in Vollfarbe. Nur der Aschenbecher im Zentrum der Doppelseite überbrückt diese Trennung. Einerseits kann der Wechsel als Verweis auf das Thema des Artikels verstanden werden: Michael Suckow rezensiert auf vier Seiten das Buch »S.E.D. Schönes Einheitsdesign« von Georg C. Bertsch und Ernst Hedler, an dem ihn zuerst die Bilder reizen: »mein verblichener DDR-Alltag in Hochglanz und Nahaufnahme«.219 Den Hochglanz nimmt Form+Zweck auf – ein Stilelement, das genau wie der vierfarbige Druck zur absoluten Ausnahme in den kommenden Heften gehört. Hier eignen sich Grappa die Ironie an, mit der Suckow über den Designband berichtet. Hauptkritikpunkt ist dabei der naiv imperialistische Blick gen Osten, der sich in der Werbefotografie ausdrückt. Statt den Alltag der DDR abzubilden, basiert die Auswahl im S.E.D.-Band Suckows Meinung nach allein auf ihrem Kuriositäts-Faktor für westliche Augen.220 Diskutiert wird nicht Gebrauch, sondern allein visuelle Ästhetik. Der sich im Artikel ausdrückende Zwiespalt ist paradigmatisch für die Aufarbeitung von DDR-Design in Form+Zweck nach dem Mauerfall: Der »Blickwinkel der Befremdlichkeit«221 ist gleichermaßen nach Osten wie Westen gerichtet – Befremdlichkeit gegenüber der Realität einer DDR-Warenwelt, die dem Diktum des Funktionalismus zum Trotz am täglichen Gebrauch scheitert,222 und der Konsumwelt des Westens, dessen Angelpunkt für Autoren wie Suckow mehr die Werbeanzeige als der Gebrauch zu sein scheint. Der Zwischenraum der doppelten Befremdlichkeit drückt sich auch in der Gestaltung aus: Form+Zweck wendet sich nicht einfach drastisch vom Regelwerk des Modernismus ab wie etwa Ray Gun oder Frontpage, sondern sucht Ausdrucksformen zwischen moderner und postmoderner Ästhetik. Durch das ganze Heft zieht sich ein klares vierspaltiges Raster, und statt beständigem mikrotypografischen Wechsel beschränken sich Grappa fast vollständig auf wenige Schnitte der 1989 von Font Bureau veröffentlichten »Bureau Grotesque«. Auch wenn diese gerade im fetten

Störungen in der digitalen Typografie  —  161

219 Suckow: »In der DDR heißt

Plastik Plast«, S. 17.

220 Vgl. ebd.

221 Petruschat: »Quer.

form+zweck«, S. 272.

222 Vgl. Suckow: »In der DDR

heißt Plastik Plast«, S. 18.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Advertisement