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von chirografischen Formprinzipien geprägt.16 Damit markiert sie einen Zugang zur Schriftgestaltung, der auch für die Zeit zwischen 1985 und 1995 sehr prägend werden sollte. Typisch – wie Tekton zeigt, aber keineswegs verbindlich – sind für diese Klasse kreisrunde Formen beim gemeinen »a«, »o« und »e«. Die Klasse »frei/dekorativ« schlussendlich beinhaltet alle Schriften, die sich nicht mit den gängigen Formprinzipien fassen lassen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Beispiele in Kupferschmids Matrix ausnahmslos aus der Zeit zwischen 1990 und 1995 stammen. Die Beispiele zeigen allerdings auch, dass etwa »Beowolf« und »You Can (read me)« durchaus von klassischen Formprinzipien geprägt sind, diese allerdings deutlich stören. Den Funktionen und den Umständen dieser Störungen soll in den kommenden Kapiteln nachgegangen werden. Bevor es jedoch um Semiotik und Störungen gehen kann, ist es nötig, noch eine weitere Dimension der typografischen Klassifikation einzuführen: In den Sechzigerjahren begann sich die Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte Arbeitsteilung zwischen Setzer und Typograf zu verschieben. Während der Setzer im Bleisatz die Verantwortung für Zeichenabstände und Umbrüche getragen hatte, übertrug die technische Entwicklung diese gestalterische Verantwortung zunehmend dem Typografen. Diese neuen Aufgaben werden als Mikrotypografie bezeichnet, während die klassischen Aufgaben des Typografen, also die Gestaltung der übergreifenden Konzeption, normalerweise Makrotypografie genannt wird.17 Die historische Genese des Begriffspaars führt teilweise zu einem etwas kontraintuitiven Zuschnitt der beiden Bereiche. Die Wahl der Schriftart beispielsweise ist eine Frage der Makrotypografie, weil sie traditionell zur Verantwortung des Typografen gehörte. An dieser Stelle soll deshalb eine etwas andere Definition der beiden Klassen vorgeschlagen werden, welche die Unterscheidung von Mikround Makrotypografie strikt von ihrer grafischen Granularität ableitet: Mikrotypografie beschreibt alle Eigenschaften, die eine medial realisierte

12  —  Typografische Begriffsklärungen

15 Vgl. Noordzij: The Stroke.

Theory of Writing, S. 70. 16 Vgl. Willberg: Wegweiser

Schrift. Erste Hilfe im Umgang mit Schriften. Was passt – was wirkt – was stört, S. 14.

17 Vgl. Hans Peter Willberg:

Typolemik. Streiflichter zur Typographical Correctness, Mainz: Hermann Schmidt, 2000, S. 58ff.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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