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auffällig ist in der Makrotypografie nur die unregelmäßige Kolumnenbreite. Mit der Farbe entwickelt sich ein neues Verhältnis zum Hintergrund, der sich im Vergleich zu Version 2 stärker von den Kolumnen entkoppelt und ein typografisches Eigenleben entwickelt. Der Weißraum wird weniger mit maßgeschneiderten Flächen gefüllt, sondern der Hintergrund als Ganzes bespielt. Im Beispiel findet sich die Zahl »10« gesetzt in einer retro-futuristischen Schrift und mehrere niedrigaufgelöste Varianten des Technoclub-Logos – also eine typo-grafische Interpretation des Themas »10 Jahre Technoclub«. Schaut man auf die erste Version von Frontpage zurück, war das Logo seinerzeit keineswegs verpixelt, sondern muss schon damals vektorisiert oder zumindest hochauflösend vorgelegen haben.201 Analog zu van Rossums Argumentation in FUSE202 repräsentiert das Pixel in Frontpage Ende 1994 nicht mehr die digitale Zukunft, sondern entwickelt sich zu einem Merkmal der Vergangenheit – die retrofuturistische »10« verstärkt diesen Eindruck noch. Dass der Prozess der Umdeutung noch nicht abgeschlossen ist, zeigen allerdings andere Artikel im Kontext der vierten Version und nicht zuletzt die »Camel Silverpages«, ein von der R.J. Reynolds Tobacco Company gesponsorter Terminkalender auf den letzten Seiten jeder Ausgabe mit konstant pixeldurchsetztem Design. Die Gestaltung dieses Kalenders liegt ebenfalls bei Branczyk und wird im Gegensatz zur Arbeit am Rest von Frontpage entlohnt.203 Am linken Rand der Seite findet sich eine gegenüber Version 2 und 3 deutlich überarbeitete Paginierung, in der das neue Frontpage-Logo dreidimensional auf eine Kugel projiziert wird. Der Trend zu dezidiert foto­ unrealistischer Dreidimensionalität ist in der Technoszene in Anzeigen, Plattencovern und Flyern sehr präsent. Gerade letztere dürfen in ihrer stilbildenden Eigenschaft für die Szene nicht unterschätzt werden und bekommen ab Version 3 der Frontpage eine eigene Seite unter dem Titel »Visuals«. Die Logo-Kugel dürfte allerdings mit den Möglichkeiten der sonst eher zweidimensional ausgerichteten DTP-Software hinter Frontpage erstellt worden sein – dem Druck der Anzeigen zum Trotz bleibt

Störungen in der digitalen Typografie  —  155

201 Vgl. etwa LAW Graphics

for Music: »Titelseite«, in: Frontpage 1 (1992). 202 Siehe S. 117 dieser Arbeit.

203 Vgl. Interview Branczyk

13.10.2011.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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