__MAIN_TEXT__
feature-image

Page 157

Fanorientiert ist auch die Titelseiten-Politik, auf der ab Version 3 keine DJs oder Produzenten, sondern anonyme Raver dargestellt werden. Anders als in der Dramaturgie der deutschen Technogeschichte oft dargestellt199 steht Frontpage vor Version 3 allerdings keineswegs für einen Techno ohne Stars, sondern arbeitet stark an einer Kanonisierung einer kleinen Gruppe von DJs mit, die wiederum zu Zugpferden für die eigenen Techno-Großveranstaltungen werden. Die starke Fokussierung des Fans in der Bildauswahl ab Version 3 scheint vielmehr eine Kompensationsleistung für die zunehmende Professionalisierung der Szene und von Frontpage selbst darzustellen. Eine wesentliche Änderung, die nicht aus Abbildung 7.42 hervorgeht, ist der schleichende Wechsel zum Vierfarbdruck. Bereits in Version 2.07 (02/93) finden sich vereinzelte Seiten in Farbe, in Version 3 wird bereits der Großteil des Hefts farbig gedruckt – die Titelseite miteingeschlossen. Ein schwarz-weißer Bereich bleibt bis in Version 4 bestehen und betrifft die Plattenbesprechungen am Ende des Hefts. Da das Heft aus klammergebundenen A3-Bögen besteht, ergibt sich aus der Spiegelsymmetrie der Blätter, dass auch zu Beginn einige Seiten schwarz-weiß gedruckt sind. Bestimmt von den Plattenkritiken am Ende, erscheinen deshalb auch in Version 4 noch einige Titelstorys farblos. Abbildung 7.44 zeigt ein Beispiel für einen vierfarbig gedruckten Artikel aus Version 4 von Frontpage. Die Überschrift ist in einem weiteren Schnitt der Madzine-Familie mit dem Titel »Nuke« gesetzt – deutlich zu erkennen sind hier Inversionen bei praktisch allen Glyphen. Das Prinzip hinter der Inversion lässt sich etwa am versalen »J« ablesen: Wird der Kontrollpunkt einer Bézierkurve über eine entgegengelegene Grenze des Umrisses gezogen, entsteht ein Loch im Umriss und eine neue geschlossene Form jenseits des ursprünglichen Umrisses. Im Fall des »J« entsteht so ein Dreieck, das wie invertiert an den Schweif des Buchstabens anschließt. Im Fließtext herrscht Rechtwinkligkeit, die angeschrägten Kolumnen aus Abbildung 7.42 finden sich aber durchaus noch in Version 4. Wirklich

Störungen in der digitalen Typografie  —  153

199 Vgl. etwa Meyer: Die Techno-

Szene. Ein jugendkulturelles Phänomen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive, S. 101. Vgl. etwa Nadja Quante: »Identifikationskonstruktion im Techno als postsubkulturelle Formation«, in: Diskursive Kulturwissenschaft. Analytische Zugänge zu symbolischen Formationen der pOst-Westlichen Identität in Deutschland, hrsg. v. Elisé Bisanz, Münster: Lit, 2005, S. 91–110, hier S. 106.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Advertisement

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded