Page 153

gearbeitet wird, aber doch ein klar fotografischer Blick dominiert. Die Bilder in Frontpage dagegen gehen offensiv mit ihrer Digitalität um und liefern damit schon einen Vorgeschmack auf die Partyfoto-Strecken späterer Frontpage-Versionen – mit dem großen Unterschied, dass die fotografische Party-Berichterstattung in späteren Ausgaben sehr fanzentriert ist, und der Mayday-Artikel vor allen Dingen teilnehmende DJs zeigt. Während 1992 die typografische Gestaltung der Frontpage noch stark vom Einsatz der OCR-A geprägt ist, zeigt der Artikel bereits »Madzine Whip«, eine von Branczyks neuen Schriften, in der Überschrift und dem Vorspann des eigentlichen – quergestellten – Berichts. Madzine Whip ist Teil der Madzine-Familie, in der vor allem verschiedene Störungsverfahren erprobt werden. Madzine Whip etwa ist durch Spiralen und ungleichmäßige Konturen geprägt. Eine ähnliche Kombination hatte bereits Frank Heine mit der Schrift »Remedy« populär gemacht, die ab 1991 bei Emigre zu beziehen ist. Andere Mitglieder der Madzine-Familie sind etwa »Dent«, in der die Grundformen von Madzine zusätzlich »verdellt« werden, oder »Dirt«, in der – ähnlich zu Reactor – die einzelnen Glyphen mit digitalem »Schmutz« bestreut sind. In Ausgabe 5/93 werden bereits neun Varianten der Schrift aufgelistet.192 Trotz dieser großen Auswahl an eigenen Schriften ist die Informationshierarchie in Version 2 der Frontpage klar: Innerhalb eines Hefts werden alle Überschriften typografisch nahezu gleich behandelt – eine Kakophonie der Stile wie in Ray Gun sucht man vergebens. In der Enge der Seite behaupten sich die Überschriften einerseits durch ihr Störpotenzial und andererseits durch ihre nicht zu unterschätzende Größe. Obwohl das Heft mit seinen A4-Seiten nicht die Vergrößerungs-Möglichkeiten von Emigre besitzt, fungieren die Headlines auch als mikrotypografischer Schaukasten für Branczyks Gestaltung. Im Vergleich zu Ray Gun und trotz konsequenter Nummerierung der Seiten fehlt das Inhaltsverzeichnis – Überblick bietet nur die Titelseite. Grund dafür dürfte Platzmangel sein, der allgemein die Gestaltung von Frontpage prägt. Die 32 DIN-A4-Seiten

Störungen in der digitalen Typografie  —  149

192 Vgl. Alexander Branczyk:

»100% HabenWollen!«, in: Frontpage 5 (1993), S. 28.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Advertisement