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bei denen die Serifen nurmehr Haarlinien sind (etwa Didot, der das »n« in Abb. 2.3 entspricht). Neben diese Klassen stellt Kupferschmid die Schreibschriften – gebrochene Schriften wie die Fraktur spielen in der Matrix keine Rolle mehr. Eine weitere grundlegende Unterscheidung liegt auf der Y-Achse und beschreibt das Formprinzip der Schrift, das zumindest bei dynamischen und statischen Schriften eng mit konkreten Schreibwerkzeugen verbunden ist: Die Breit- oder Wechselzugfeder wird in der Regel mit dynamischen Formen10 identifiziert. Der Strichstärkenkontrast11 ergibt sich hier durch den Winkel der Schreibfeder zur Richtung des Strichs. Liegt die Feder orthogonal zum Strich, ist dieser so breit wie die Feder – längs zum Strich dagegen ist der Strich so dünn wie die Feder hoch.12 Bei einem konstanten Winkel ergeben sich daraus die für dynamische Schriften typische schräge Symmetrieachse des »O« und die offenen Formen des gemeinen13 »e«. Das statische Formprinzip14 ist durch die Spitzfeder geprägt, die Strichstärkenkontrast nicht durch ihr Winkelverhältnis, sondern durch wechselnden Druck erzeugt: Wird die Feder stärker aufgedrückt, spreizt sie sich und erzeugt so im Vergleich zur Breitfeder eher regelmäßige geschlossene Formen, etwa beim gemeinen »a« oder »e«. Diese Spreizung – hier entsteht doch wieder ein Bezug zum Winkel – ist allerdings nur möglich, wenn die Feder sich orthogonal zum Strich bewegt,15 etwa bei senkrechten Strichen. Vergleicht man gerade »a« und »e« mit ihren dynamischen Gegenparts, wird sichtbar, dass die beiden Formprinzipien sich auch dann unterscheiden, wenn kaum noch Strichstärkenkontrast auszumachen ist – gut zu erkennen etwa bei Syntax und Helvetica in der Klassifikationsmatrix. Das geometrische Formprinzip wird bei Kupferschmid der Redis- oder Schnurzugfeder zugeschrieben. Dieser Bezug ist allerdings wesentlich weniger eindeutig als beim dynamischen bzw. statischen Formprinzip. Diese Klasse von Schriften ist allgemein stärker durch Konstruktion als

Typografische Begriffsklärungen  —  11

10

Abbildung 2.2: Beispiel für ein dynamisches »n« mit großem Strichstärkenkontrast. Aus: Gerrit Noordzij: The Stroke. Theory of Writing, 2. Aufl., London: Hyphen Press, 2009, S. 37. 11 Strichstärkenkontrast ist der Unterschied in der Stärke zwischen den horizontalen und den vertikalen Strichen. Vgl. Karen Cheng: Anatomie der Buchstaben, Mainz: Hermann Schmidt, 2006, S. 11. 12 Vgl. Kupferschmid: Buchstaben kommen selten allein, S. 30f. 13 Als Gemeine oder Minuskeln werden Kleinbuchstaben bezeichnet, während Großbuchstaben Versalien oder Majuskeln genannt werden. Vgl. Cheng: Anatomie der Buchstaben, S. 11. 14

Abbildung 2.3: Beispiel für ein statisches »n« mit großem Strichstärkenkontrast. Aus: Noordzij: The Stroke. Theory of Writing, S. 70.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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