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seiner Designs auf Erklärung pocht und diese Erklärung von der Leserschaft in der Kontextualisierung durch die Popkultur gesucht wird, über die Ray Gun berichtet. Dean Kuipers beschreibt in seiner Analyse des Hefts das hermeneutische Versprechen von Ray Gun folgendermaßen:

The allure of its eye candy comes, in part, from the promise that cracking its visual code will somehow bring you closer to your favorite artist.170 Der Künstler, von dem Kuipers hier spricht, ist zu diesem Zeitpunkt wesentlich mehr als eine Stimme auf CD oder Vinyl, sondern besitzt auch eine visuelle Identität, die gerade durch die Verbreitung des Musikfernsehens vorangetrieben wird. Um in seiner Gestaltung relevant zu bleiben, muss Ray Gun also weniger der Musik selbst als ihrer Darstellung auf MTV gerecht werden.171 Marvin Jarrett gründet 1996 ein weiteres Magazin mit dem Titel »Blah Blah Blah« für MTV Großbritannien, das sich stark an das Editorial Design von Ray Gun anlehnt – der Versuch dürfte also als geglückt gelten.172 Dass der Bezug zum alternativen Rock sich verfestigt, bestätigt der amerikanische Design-Diskurs, der bald deutlich weniger von dekonstruktivistischer oder postmoderner Typografie – Nomenklaturen, die im Fahrwasser von Cranbrook und dem Design Criticism der späten Achtziger entstanden –, sondern von Grunge-Typografie spricht.173 Das in der Störung angelegte Verlangen nach Nivellierung durch transkriptive Bearbeitung stellt für Ray Gun eine große Herausforderung dar. Einerseits bedeutet die Einreihung von Ray Gun in den grafischen Kanon des Grunge einen Gewinn für das Musikmagazin, gleichzeitig schleift diese Entwicklung das innovative störende Potenzial des Magazins ab. Im monatlichen Erscheinungsrhythmus und in jedem Artikel erneut mit den Erwartungen der Leserschaft zu brechen, kann auch Ray Gun nicht leisten – insbesondere, da es an (typo-)grafischen Entwicklungen teilhat, die auch anderswo vorangetrieben werden. Deshalb findet trotz

142  —  Störungen in der digitalen Typografie

170 Dean Kuipers: »Are You

the Bomb? Speaking Ray Gun to the New NicheCulture«, in: Ray Gun: Out of Control, hrsg. v. Dean Kuipers/Chris Ashworth, London: Booth-Clibborn, 1997, S. 42–69, hier S. 59.

171 Vgl. Rick Poynor: »Alternative

by Design?«, in: Ray Gun: Out of Control, hrsg. v. Dean Kuipers/Chris Ashworth, London: Booth-Clibborn, 1997, S. 226–235, hier S. 233. 172 Vgl. Marvin Scott Jarrett: »Marvin’s Room«, in: Ray Gun: Out of Control, hrsg. v. Dean Kuipers/Chris Ashworth, London: Booth-Clibborn, 1997, S. 14–21, hier S. 21. 173 Vgl. etwa Tobias FrereJones: »Towards the Cause of Grunge«, in: Looking Closer 2. Critical Writing on Graphic Design, hrsg. v. Michael Bierut u. a., New York: Allworth Press, 1997, S. 16–18, hier S. 16.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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