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geführt. Im Gegensatz zu Beach Culture steht hier jedoch nicht nur die Kunst als solche, sondern ihre Leistung in der intermedialen Transkription im Vordergrund: Jedes dargestellte Kunstwerk ist die Visualisierung eines Popsongs. Dieser Bezug wird durch Betitelung der Bilder hergestellt. Letztendlich stellt also eine intermediale Transkription – die der Explikation des Bildes durch die Bildunterschrift – eine zweite – die der Visualisierung eines Musikstücks durch das Bild – sicher. In den Kunstwerken sind somit zwei Größen angelegt, die oft auch für Carsons Gestaltung reklamiert werden: erstens ein malerischer168 Umgang mit Typografie, der zweitens in der Lage ist, Musik zu visualisieren – nicht irgendwelche Musik, sondern primär zeitgenössischen alternativen Rock, dessen sichtbarste Spielart zu diesem Zeitpunkt der »Grunge« ist.169 Die Bilder in »Sound in Print« zeigen allerdings bereits, dass die Transkription von Musik in die Domäne des Visuellen alles andere als selbstevident ist und deshalb vom störenden Potenzial des Symbolischen zehrt, das erst den Bezug zwischen Skript und Transkript herstellt. Auch der Bezug zwischen Typografie und Musik ist fragil und in Ray Gun nur an wenigen Stellen durch Kommentare von Carson belegt. Es ist deshalb zu vermuten, dass die transkriptive Logik der Seiten komplexer ist: Wo in Emigre der Einsatz von Störung unmittelbar von der Analyse der eigenen Gestaltung aufgefangen und in Transparenz zurückgeführt wird, fehlt in Ray Gun diese Form von Explikation. Die Auflistung von Schriftgestaltern im Impressum kann nicht das gleiche leisten wie seitenlange Analysen und Interviews. Es ist also einerseits die Aufmerksamkeitslenkung des Indexikalischen gegeben, aber der symbolische Anschluss muss noch eingefordert werden. Erst die abduktive Suchbewegung der gestörten Rezeptionssituation führt zur Musik – oder vielmehr zum intermedial operierenden Pop, in dem Musik eine zentrale Größe darstellt. Der transkriptive Bezug zwischen Typografie und Musik ergibt sich also weniger, weil Carson eine angemessene Visualisierung für die Musik der frühen Neunziger schafft, sondern weil die offensive Störung

Störungen in der digitalen Typografie  —  141

168 Vgl. etwa Poynor: No More

Rules. Graphic Design and Postmodernism, S. 62.

169 Emigre 27 – David

Carson (1993), S. 4.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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