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Herausgeber des Musikmagazins »Creem«. Jarrett ist maßgeblich an dem Konzept eines neuen Musik- und (in geringerem Maße) Modemagazins beteiligt, das er in Anspielung auf den Text eines David-Bowie-Songs »Ray Gun« nennt. Der Untertitel erklärt das Magazin selbstbewusst zu »The Bible of Music + Style«. Jarrett ist es auch, der Carson den nötigen Spielraum für typografische Erkundungen einräumt – tatsächlich erscheinen viele Artikel völlig ohne redaktionelle Abstimmung der Gestaltung. In vielen Fällen bekommt nicht einmal Carson selbst die Druckfahnen zu Gesicht, was teils zu unerwarteten Druckfehlern führt. In der ersten Ausgabe (1992) des Magazins etwa findet sich ein Artikel zu den »Lemonheads« mit einem falsch beschnittenen Bild. Das Ergebnis ist schwarzer Text über einem schwarzen Schuh.151 Gerade in den frühen Ausgaben zeigt sich eine große Offenheit für Fehler, die in etwa dem entspricht, was April Greiman in ihrer frühen digitalen Gestaltung beschreibt.152 Auch wenn Carsons Mangel an Ordnung im Umgang mit seinem Computer geradezu legendär ist,153 entspringen diese Fehler allen Schritten eines hybriden Gestaltungsprozesses. Ähnlich wie bei Emigre arbeitet Carson intensiv mit digitalen Schriften. Bis zu Ausgabe Nr. 14 (1994) werden viele Teile von Ray Gun allerdings noch analog arrangiert und per Reprokamera für die Vervielfältigung vorbereitet. Die ganz undigitale Collagearbeit zeigt sich in der ersten Ausgabe in einer Plattenbesprechung das Albums »Delaware« der »Drop Nineteens«, die nicht nur den Text, sondern auch mehrere Tropfen Blut reproduziert.154 Quelle ist nicht der Computer, sondern Carsons Finger, den er sich beim Zuschneiden verletzt.155 Auch konzeptionell wagt Carson das Risiko von Fehlschlägen:

That’s when you open yourself up to more mistakes and the extremes of creating some really good work and some really bad work. I believe if you’re not making some of those mistakes, you are probably not progressing.156

134  —  Störungen in der digitalen Typografie

151

Abbildung 7.34: Ausschnitt aus einem Artikel zu den »Lemonheads« – die Überschneidung von Schuh und Text ist ein Druckfehler, der nicht behoben wurde. Aus: Ohne Autor: »Lemonheads«, in: Ray Gun 1 (1992), S. 16. 152 Siehe S. 94. 153 Vgl. Blackwell/Carson: The End of Print. The Graphic Design of David Carson, S. 11. 154

Abbildung 7.35: Kurzbesprechung des Albums »Delaware« der »Drop Nineteens«. Am oberen Ende der Seite sind schwarz reproduzierte Bluttropfen zu sehen. Aus: Erin Culley: »Delaware. Drop Nineteens«, in: Ray Gun 1 (1992), S. 91. 155 Vgl. Blackwell/Carson: The End of Print. The Graphic Design of David Carson, S. 120.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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