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Page 130

b

Reactor

Abbildung 7.29: Tobias Frere-Jones Schrift »Reactor«. Links ist ein gemeines »b« ab­ gebildet, das sich in dieser Schrift nur durch die »noise fields« links und rechts von der Versalie unterscheidet. Daneben die Zeichenkette »Reactor«, wobei das R als Versalie keine Störpartikel einsteuert.

Jones düstere Rahmung »if left unchecked, this noise will accumulate until the text is all but destroyed. THE MORE YOU TYPE, THE WORSE IT GETS…«136 ist allerdings technisch nicht ganz zutreffend. Da jedes »noise field« nur eine Reichweite von einigen Glyphen hat, ist an einem gewissen Punkt die maximale Überlappung und damit das Maximum an Störung erreicht.137 In seiner Beschreibung der Schrift führt Frere-Jones die Metapher eines Hausbrands ein, der letztendlich den Blick auf das Gerüst freigibt. Vergleichbar mit Template Gothic versucht Reactor nun den materiellen Verfall in die digitale Schrift zu tragen. Im Gegensatz zu Barry Decks Entwurf, der nur einen Schnappschuss eines Verfallsprozesses darstellt, will Frere-Jones allerdings den Prozess als solchen abbilden – einen Prozess, der durchaus als produktiv charakterisiert wird, da in der Asche der gestörten Schrift ihr eigentliches Gerüst sichtbar wird. Als Gerüst müssen dabei die impliziten Hypothesen der Schreibszene, aber genauso deren Materialität verstanden werden. Eher stillgestellte Störung leitet Pierre di Sciullos Schrift »Scratched Out«, die wie Spherize in Ausgabe Nr. 5 (»Virtual«) erscheint. Abbildung 7.30 zeigt klar, dass hier mit Pixeln gearbeitet wird – Ausgangsmaterial ist eine fette, durch rechte Winkel geprägte Grotesk, die di Sciullo durch eine Reihe von pixelbasierten Übermalungen und Ausradierungen stört. Was in FUSE vorliegt, ist eine vektorisierte Fassung der Schrift, jedes Pixel wird also zu einem beliebig skalierbaren Quadrat. Anders als das Thema der Virtualität es nahelegen würde, scheint Scratched Out eines der wenigen Beispiele zu sein, in dem die Diskette und die enthaltende PostScript-Datei nicht den konzeptionellen Fluchtpunkt der Gestaltung

126  —  Störungen in der digitalen Typografie

136 Frere-Jones: »Reactor«, S. 1.

137 Dass Glyphen-Überlappungen

nicht immer störend sind, zeigt »DearJohn« (FUSE 3). Die Schriftart stellt keine ganzen Buchstaben sondern nur Buchstabenfragmente zur Verfügung, aus denen sich mittels Überlagerung Buchstaben konstruieren lassen.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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