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Die wichtigste Begriffsklärung im Kontext der Typografie betrifft sie selbst. Der Begriff der Typografie hat, getragen vom technischen und kulturellen Wandel, im letzten Jahrhundert eine deutliche Verschiebung erfahren: Die handwerklich-technischen Aspekte, welche vor 1900 den Kern der Bestimmung ausmachten, werden inzwischen eher mit Satz und Druck identifiziert, während der gestalterische Aspekt zunehmend in den Fokus rückt.1 Im Gestalterischen soll deshalb auch das hier zu entwickelnde Typografie-Verständnis ansetzen: Typografie ist Gestaltung von Glyphen und ihren Relationen im Raum. Eine Glyphe ist im Kontext der digitalen Typografie die kleinste grafische Einheit, aus der letztendlich das Schriftbild der Seite erzeugt wird.2 Glyphen sind dabei nicht mit Buchstaben gleichzusetzen: Selbst in einem Schriftschnitt kann ein Buchstabe einer Vielzahl von Glyph-Varianten entsprechen – gleichzeitig finden in Ligaturen (wie dem »fi« in Typografie) mehrere Buchstaben in einer Glyphe zusammen. Darüber hinaus können Fragmente von Buchstaben, beispielsweise Diakritika, eigene Glyphen belegen. Neben Buchstaben werden außerdem auch Satzzeichen und Ornamente als Glyphen kodiert. Die Einbeziehung der Glyphe in die Definition soll die Abgrenzung zur Chirografie, also der Handschrift,3 leisten. Der Unterschied zwischen Chiro- und Typografie muss an ihrem Prozess festgemacht werden: Während in der Handschrift jedem Strich die indexikalische Spur der Körperlichkeit ihres Autors anhaftet, verfolgt jegliche Typografie das Ziel, ein grafisches Endprodukt durch wiederholbare Formen von dieser Körperlichkeit zu entkoppeln. Wie die Bleiletter vor ihr ist die Glyphe eine solche vom körperlichen Akt des Schreibens zumindest in der Performanz ihrer Setzung entkoppelte Form. Diese Trennung erlaubte der Typografie in den letzten Jahrhunderten Formen zu finden, die sich nicht länger direkt von handschriftlicher Gestaltung ableiten.4 Es wäre allerdings falsch, hier von einer Wegentwicklung zu sprechen, denn gleichzeitig ist zu jedem Zeitpunkt der typografischen Geschichte die Imitation handschriftlicher

Typografische Begriffsklärungen  —  9

1 Vgl. Wehde: Typogra-

phische Kultur, S. 3f.

2 Vgl. Jukka Kalervo Korpela:

Unicode Explained, Sebastopol, CA: O’Reilly, 2006, S. 30. Im Anschluss an die 1991 definierte ISO-Norm 9541-1 werden Glyphen an anderer Stelle auch als abstrakte Entitäten gefasst, die in einer Type-Token-Beziehung zu ihrer grafischen Umsetzung stehen. Dieser Interpretation soll hier nicht gefolgt werden, da sie nicht mehr der geläufigen Praxis entspricht. Siehe ISO: ISO/IEC 9541-1:1991. Information Technology – Font information Interchange – Part 1: Architecture, 1991, S. 81. 3 Vgl. Jürgen Spitzmüller: »Typographie«, in: Einführung in die Schriftlinguistik, hrsg. v. Christa Dürscheid, 3. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006, S. 207–238, hier S. 211. 4 Vgl. Hans Peter Willberg:

Wegweiser Schrift. Erste Hilfe im Umgang mit Schriften. Was passt – was wirkt – was stört, Mainz: Hermann Schmidt, 2001, S. 14.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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