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der Interpolation auf gestalterischen Achsen weiter eine Rolle spielt, konnte sich Multiple Master als PostScript-Erweiterung nicht durchsetzen – Move me MM ist deshalb eine der wenigen Schriften in diesem Format, die nicht von Adobe selbst stammen. Im Gegensatz zu Adobes MM-Schriften nutzt de Groots Entwurf die Interpolation nicht, um automatisch halbfette Schnitte zu generieren, sondern als AnimationsWerkzeug. Jede Versalie liegt zu diesem Zweck in zwei Schnitten vor: einmal in einer fetten Grotesk und zweitens als vage pornographisches Piktogramm (Abb. 7.28). Bei genauerem Hinschauen lassen sich in der auf den ersten Blick eher schlichten Grotesk bereits Andeutungen der Piktogramme erkennen – etwa eine mikroskopische Einkerbung am Hals des »G«. Der Multiple-Master-Algorithmus erzeugt zu diesen zwei Extrema die Zwischenstufen und damit ein Art Morph, den de Groot in kurzen Videosequenzen festhält. Letztere liegen der Schrift für die Buchstaben »L«, »Q« und »W« bei – gemeinsam mit einer Anleitung zum Erstellen weiterer Animationen. Wiederum wird das Plakat zur Nebensache, da es weder die Performanz noch die Fluidität der digitalen Schrift festhalten kann. Die graduelle Verfremdung der Schrift ist unter dem Gesichtspunkt der Störung interessant, da sie den symbolisch-lexikalischen Gehalt eines Worts auch noch in die ikonische Extremposition trägt: Wo ein Wort einmal entziffert wurde, wirkt diese semiotische Dimension auch in der Piktogramm-Fassung weiter. Das Kontinuum der Schriftbildlichkeit mit seiner beständigen Verquickung von Ikonischem und Symbolischem wird hier entlang der Zeitachse durchschritten. Zeitliche Veränderung soll auch Tobias Frere-Jones Schrift »Reactor« aus Ausgabe 7 (»Crash«) darstellen – im Gegensatz zu de Groot, nutzt Frere-Jones dafür allerdings nicht das Medium des Videos, sondern die zeitliche Performanz des Schreibakts. Worte in Reactor – soweit das Konzept – verfallen beim Schreiben. Jeder gemeine Buchstabe ist zu diesem Zweck mit störenden Partikeln, »noise fields«,135 (Abb. 7.29) ausgestattet, die sich mit anderen Buchstaben in der Zeile überschneiden. Frere-

Störungen in der digitalen Typografie  —  125

135 Tobias Frere-Jones: »Reactor«,

in: FUSE 7 (1993), S. 1.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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