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Fonts als speicherökonomische Illustrationselemente für sein Grafikdesign einsetzt.128 Synaesthesis ist also genauso zum Malen wie zum Musizieren gedacht.129 In der gleichen Ausgabe veröffentlicht Rick Vermeulen mit »Big Eyed Beans« ein Projekt, das an den ursprünglichen Plan von Morsig anschließt: Die Schrift ist nicht mehr in PostScript programmiert, sondern liegt als ausführbare Datei vor, die Tastenanschläge gleichzeitig in Töne und Grafiken übersetzt.130 Das Programm ordnet allerdings nicht jedem Buchstaben eine Bild/Ton-Kombination zu, sondern reduziert seinen Zeichenvorrat auf neun disjunkte Zeichen: Jedem Vokal kommt ein eigenes Muster zu, während alle Konsonanten nach ihrem Artikulationsort – gemäß englischer Phonetik – gruppiert sind. Vermeulen unterscheidet dabei grob nach labial (»Lip-letters«), koronal (»Teeth/tongue-letters«) und guttural (»Throat-letters«) artikulierten Phonemen.131 Alle korrespondierenden Grapheme dieser drei Klassen fasst er grafisch und auditiv zusammen und gelangt so zu den neun Zeichen seines Alphabets. Im Gegensatz zu Synaesthesis ist also die Graphem-Phonem-Korrespondenz und nicht die Musikalität der Sprache das Hauptthema der Schrift. Nichtsdestotrotz sieht Vermeulen in der Rhythmik der Tastenanschläge, die sich direkt in die Länge der Töne bzw. Darstellungslänge der Grafiken übersetzt, die Möglichkeit, der Kommunikation über Big Eyed Beans Persönlichkeit zu verleihen. Dadurch, dass diese Dimension nicht quantisiert, also in ein festgelegtes rhythmisches Raster gepresst wird, entsteht hier ein Verbindungsglied, über das indexikalische Spuren von Körperlichkeit ihren Weg in die Kommunikation finden können. Gleichzeitig betont Vermeulen aber auch die Rolle der Medialität, die durch ein »ever moving ›hair‹ […] there to make the now-and-then imperfect functioning of man-machine noticable«,132 sichtbar gemacht wird. Dieses »Haar« ist in Abbildung 7.26 am oberen Rand der Grafik zu erkennen. Im Gegensatz zu den statischen Grafiken durchläuft es eine kurze Animationssequenz, die alle Pixel unter ihr invertiert. Bei weißem Hintergrund – also wenn keine Taste gedrückt

Störungen in der digitalen Typografie  —  123

128 Vgl. Interview Branczyk

13.10.2011. 129 Ein Beispiel für den primär

130

illustrativen Einsatz der Schrift findet sich im von Branczyk mitherausgegebenen Band »Emotional Digital«, in dem der Hintergrund vieler Seiten aus repetitiven Schichtungen von Synaesthesis-Glyphen besteht.Vgl. etwa Branczyk u. a.: Emotional digital. Portraits internationaler Type-Designer und ihrer neuesten Fonts, S. 8.

Abbildung 7.26: Die grafische Ausgabe von Rick Vermeulens »Big Eyed Beans« beim Anschlag von »a«. Das Programm läuft auf Mac OS 9.0.4 über einen durch SheepShaver 2.3 emulierten Power Macintosh 9500. 131 Vgl. Rick Vermeulen: »Big Eyed Beans«, in: FUSE 14 (1995), S. 1.

132 Ebd.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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