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Formen konstruieren lassen. Das Konzept der referenziellen Opazität erreicht damit in FUSE Nr. 10 seinen Höhepunkt, ist aber noch nicht am Ende angekommen. Interessant ist etwa Alexander Branczyks Beitrag zu FUSE Nr. 14 (»Cyber«), in dem er über die Synästhesie den Ton in die Schrift trägt.125 In »Synaesthesis« geht es aber nicht darum, GraphemPhonem-Korrespondenzen neu zu verhandeln – was vermittelt werden soll, ist vielmehr ein musikalischer Zugang zur Schrift:

Synaesthesis tries to translate the sensory modality of sound into form. It is more a collection of patterns than a font and has no aspirations towards the Roman alphabet. Make your own music!126 Der Bezug zur Musik zeigt sich in Synaesthesis durch aneinandergereihte Wellenformen, die an einen digitalen Mehrspureditor erinnern. Auch wenn die Wellenform als räumliche Visualisierung von Klang keine Errungenschaft der Digitalisierung ist, verweist Branczyk somit klar auf die Produktionsbedingungen jüngerer elektronischer Musik. Trotz dieses sehr technisch geprägten Verständnisses von Musik zeigt der Entwurf wiederum ein Verlangen nach sprachlichen Eigenschaften, die mit dem Alphabet und seiner technischen Reproduzierbarkeit verloren gingen. Sybille Krämer etwa zeichnet eine Denktradition nach, die genau das Aufkommen des phonetischen Alphabets als den Moment ausmacht, in dem sich Musikalität und Sprachlaut trennen.127 Wo Krämer diese Dichotomie in der Mündlichkeit auflöst und so der Musik neuen Raum im Sprechen schafft, greift Branczyk sie auf und opfert das alphabetische Prinzip der Musikalität. An die Stelle der symbolisch organisierten Abbildung von Phonemen tritt dabei eine diagrammatisch operierende Visualisierung von Klang. Diagrammatisch, da das Prinzip jeder grafischen Wellenform die Übersetzung zeitlich differenzierter Relata in räumliche Formen ist. Dass Branczyk den symbolischen Gehalt seiner Schrift so mühelos aufgibt, ergibt sich auch aus seiner Gestaltungs­praxis, in der er

122  —  Störungen in der digitalen Typografie

125

Syn aest hesi s

Abbildung 7.25: Die Zeichenfolge »Synaesthesis« in Alexander Branczyks »Synaesthesis«. 126 Alexander Branczyk: »Synaesthesis«, in: FUSE 14 (1995), S. 1.

127 Vgl. Krämer: »Sprache –

Stimme – Schrift: Sieben Thesen über Performativität als Medialität«, S. 43f.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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