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prägender Effekt ist, darf allerdings nicht vergessen werden, dass er der Praxis der fotografischen Reproduktion entspringt und deshalb auch Vorläufer in fotografisch geprägter Typografie besitzt – etwa in frühen Ausgaben von The Face, in denen Brody bereits mit optisch weichgezeichneten Headlines arbeitet.111 Der Bezug zum Thema der Rune besteht bei van Blokland und van Rossum – allem Einfluss von pixelbasierten Photoshop-Filtern zum Trotz – in einer Archäologisierung der Bitmap-Schrift. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Runen als Notationssystem findet in FUSE Nr. 2 gestalterisch nicht statt. Das mag damit zusammenhängen, dass Type1-Schriften anders als das spätere Opentype Runen-Notation nicht ohne weiteres vorsehen, durch FUSE zieht sich aber ganz allgemein eine Unwilligkeit zur ernsthaften graphischen Auseinandersetzung mit bestehenden Notationssystemen jenseits des westlichen Alphabets bzw. westlicher Piktogramme. Eine kleine Ausnahme bildet »Morsig« aus FUSE Nr. 6, die das Alphabet in visuellen Morsecode übersetzt. Die auf der Diskette enthaltende PostScript-Schrift ist dabei der Kompromiss zu einem wesentlich ambitionierteren Projekt, das Tastenanschläge nicht in räumlich organisierte Kreise und Striche, sondern in zeitlich getrennte Lichtblitze auf dem Monitor umsetzen soll. Im beiliegenden Booklet heißt es, rechtliche Gründe hätten die Inklusion des in Hypercard geschriebenen Programms verhindert.112 Dem Thema »Code« zum Trotz leiten sich die restlichen Beiträge des Magazins klar vom westlichen Alphabet ab und führen die durch »Can You …« eingeleitete Suchbewegung nach der Grenze zwischen Störung und Zerstörung der symbolischen Funktion weiter. Martin Wenzels »Schirft«113 [sic] ist hier ein wichtiger Beitrag, dessen Störung einen anderen Ausgangspunkt als Flixel und Niwida hat. Während letztere von reguläreren Fonts ausgehen und diese mit digitalen Mitteln verfremden und so auf die Medialiät des Digitalen im Kontext von Bitmaps aufmerksam machen, sind in Schirft konsequent Erkennbarkeitsfallen im Entwurf vorgesehen. Der Buchstabendreher im Namen ist Programm, denn etwa »b«,

118  —  Störungen in der digitalen Typografie

111 Vgl. dazu auch: Jon Wozen-

croft: Brody. The Graphic Language of Neville Brody, New York: Rizzoli, 1988, S. 21.

112 Vgl. Rick Vermeulen: 113

»F Morsig«, in: FUSE 6 (1992), S. 1.

Abbildung 7.22: Das Poster zur Schrift »Schirft«. Im Zentrum ist die Zeichenfolge »abc« zu lesen. Darunter findet sich der Satz »still a typeface« (weiß) und der Satz »the quick jumps dog over brown the fox lazy« (rot). Auch der geläufige Blindtext »the quick brown fox jumps over the lazy dog« ist also gemäß dem Permutationsprinzip von Schirft verdreht. Aus: Martin Wenzel: »Schirft [Poster]«, in: FUSE 6 (1992).

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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