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Typografie wiederholen, während sich letztere zunehmend Sichtbarkeit als Teil einer intermedial operierenden Popkultur verschafft. Diese Verquickung überrascht gerade vor dem Hintergrund von FUSE nicht, denn Wozencroft betreibt neben FUSE auch das Musiklabel »Touch«, und Brodys Karriere beginnt – wie bei vielen englischen Designern seiner Generation – mit der Gestaltung von Plattencovern.101 Neben diesem Einfluss zeigt sich in Neville Brodys Design aber auch die Auseinandersetzung mit dem frühen Surrealismus, Dada und literarischen Cut-Up-Techniken, die er durch FUSE nun auch in der Typografie fruchtbar machen will: »We’ve now got the opportunity in language to do what William Burroughs did in text.«102 Der konzeptionelle Pfad des Cut-Up im Umgang mit digitalen Samples verläuft für FUSE allerdings schnell im Sand, während die ebenfalls in »Can You …« angelegte Frage nach den Grenzen der Lesbarkeit zunehmend in den Fokus rückt. Brody sucht nach einer »typography devoid of words«,103 also einer Schrift, deren symbolisch-lexischer Anteil getilgt wurde. Den Weg zu diesem Ziel soll die Auseinandersetzung mit anderen Notationssystemen, etwa in FUSE Nr. 2 (»Runes«) oder Nr. 6 (»Codes«) weisen. Wozencroft beleuchtet hier vor allen Dingen das magische Potenzial der Runen und macht so auch eine Sehnsucht nach einer verlorenen Form performativer Agency von Schrift geltend104 – ein Gedanke, der von den Schriften in FUSE Nr. 2 nur bedingt eingelöst wird. Max Kisman und Gerard Unger nähern sich dem Thema durch zwei sehr geometrische Schriftentwürfe, während Erik van Blokland und Just van Rossum mit »Niwida«105 und »Flixel«106 zwei mediale Register der Bitmap-Störung erkunden. Niwida basiert auf einer gefaxten und buchstabenweise um etwa 135° gedrehten Schrift. Die verwaschenen Pixel des Faxes sind durch die Vergrößerung sehr präsent und führen die Schrift gemeinsam mit der Rotation bereits sehr nah an die lexikalische Opazität. Gerade die Drehung stört dabei den kontinuierlichen Lesefluss enorm, da sie die Gerichtetheit der Buchstaben gegen die der Zeile ausspielt und den Leser so

116  —  Störungen in der digitalen Typografie

101 Vgl. Jon Wozencroft:

The Graphic Language of Neville Brody 2, New York: Rizzoli, 1994, S. 8. 102 Rick Poynor: »Rub Out

the Word«, in: Looking Closer 2. Critical Writing on Graphic Design, hrsg. v. Michael Bierut u. a., New York: Allworth Press, 1997, S. 242–248, hier S. 245. 103 Ebd.

104 Vgl. Wozencroft: »Wind 105

106

Blasted Trees: A Short History of Runes«, S. 2.

niwida

Abbildung 7.19: Die Zeichen­ folge »niwida« in Erik van Bloklands »Niwida«.

flixel

Abbildung 7.20: Die Zeichenfolge »flixel« in Just van Rossums »Flixel«. Gerade an »x« und »e« erkennt man deutlich das leicht randomisierte Raster hinter der Schrift.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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