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in der diese Spitzen abgerundet werden.94 Anders als die ursprüngliche Fassung beinhaltet »You Can …« zusätzlich Versalien, die sich durch einen horizontalen Strich über dem – weiterhin gemeinen – Buchstaben vom Rest der Schrift absetzen. Die Unvollständigkeit von »Can You …« ist symptomatisch für FUSE, das tatsächlich nur selten vollständige Versalien enthält. Anders als in Emigre, wo das Magazin oft den Versuchsraum für unfertige Schriften darstellt,95 lädt FUSE ein, das Experiment am eigenen Computer fortzuführen. Baines gibt Clarendon Light deshalb explizit als Quelle seiner Schrift an, um FUSE-Lesern die Erweiterung – etwa um Versalien – zu erleichtern.96 Dem Versuchsaufbau von FUSE, in dem die Frage nach der Lesbarkeit dem Rezipienten übergeben wird, steht bei der FontFont-Variante mit »You Can Read Me« die Behauptung von Lesbarkeit gegenüber. Auch wenn diese jederzeit falsifizierbar bleibt, markiert der Titelwechsel doch ein verändertes Verhältnis zum Experiment zwischen FontFont und FUSE. Interessant ist »Can You …« auch, weil der Reduktion an den Buchstaben eine Maximierung der Satzzeichen gegenübersteht. Entgegen der Rollenverteilung im normalen Satz erscheinen diese weiß auf schwarzem Grund, und sogar das Leerzeichen wird schwarz gerahmt. »Can You …« macht auf diese Weise die in der typografischen und linguistischen Debatte oft übersehenen Bestandteile der Schrift sichtbar. Insbesondere die Negation des Leerzeichens als unsichtbaren Agenten in der Diagrammatik der Zeile ist dabei ein wichtiger Punkt, da es sowohl seine Zeichen- wie Glyphenhaftigkeit unter Beweis stellt.97 Während bei »Can You …« nur weggeschnitten wird, etabliert sich Anfang der Neunziger eine neue Klasse von Schriften, in der typografisches Material nicht nur zerstückelt, sondern auch neu collagiert wird. Wichtiges Beispiel ist die 1991 von Max Kisman bei FontFont veröffentlichte »Fudoni« – ein Hybrid aus »Futura« und »Bodoni«.98 Wie bei »Can You …« sind auch hier Schnitte ein zentrales gestalterisches Element – statt sie durch fließende Übergänge zu überspielen, werden die transkrip-

114  —  Störungen in der digitalen Typografie

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rind rind

Abbildung 7.17: Die Zeichenfolge »rind« in »Can You …« (oben) und »You Can …« (unten). Der Vergleich zwischen »n« und »r« macht deutlich, wie sehr die Schrift von den zusätzlichen Informationen des ausgeprägten Tropfens am »r« – des rundlichen Abschlusses rechts am Ende des Bogens – profitiert. Eine streng geometrische Schrift könnte an diesem Punkt nicht so rigoros beschneiden. 95 Vgl. Emigre 15 – Do You Read Me? (1990), S. 1. 96 Vgl. Baines: »Can You (and Do You Want to) Read Me?«, S. 3. 97 Siehe dazu etwa die erste Seite des laufenden Kapitels auf Seite 80. 98

Abbildung 7.18: Schnitt Nr. 2 von Max Kismans »Fudoni«. Aus: Alexandre Dumas de Rauly/Michel Wlassikoff: Futura. Une gloire typographique, Paris: Norma Éditions, 2011, S. 159.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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