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Gothic, deren Ziel es ist, die Medialität des Algorithmischen sichtbar zu machen. Das Alleinstellungsmerkmal von Beowolf ist allerdings, dass die Schrift ihr störendes Potenzial aus der Performanz des PostScript-Algorithmus zieht, dessen bewegliche Teile durch die Einführung von zufälligen Variablen am Umriss der Glyphen hervortreten. Genau hier greifen allerdings die Beschränkungen von Type1 und neueren Formaten wie True- oder Opentype, in denen die statische Natur der Glyphe wieder zementiert wird. Neuere Varianten von Beowolf sind deshalb ihres algorithmischen Witzes beraubt, auch wenn es die aktuelle Opentype-Version zumindest erlaubt, zwischen verschiedenen Glyphen-Varianten zu alternieren und so den Anschein von Zufall zu erzeugen.87 Obwohl FontFont also durchaus Raum für störende Schriftarten bietet, machen die wachsenden Ansprüche an die Qualität von digitalen Fonts – etwa deren Vollständigkeit, was Diakritika und Versalien betrifft – Experimente im Rahmen des Labels aufwendig. Um einen Ort für eher skizzenhafte und dezidiert störende Schriften zu schaffen, gründet Brody deshalb 1991 zusammen mit Jon Wozencroft FUSE. Die Publikation wird von FSI vertrieben und ist kein Magazin im engeren Sinne, sondern besteht pro Ausgabe aus einer braunen, etwa DIN A5 fassenden Pappschachtel (Abb. 7.16) mit einem knappen Titel und den Namen der Schriftgestalter bzw. Schriftgestalterinnen.88 Nach dem Aufklappen der Schachtel sieht der Leser zuerst eine 3,5”-Diskette, hinter der, geschützt durch eine weitere Ebene Karton, ein Booklet und eine Reihe von A2Plakaten liegen. Die dem Leser durch die Materialität der Verpackung oktroyierte Rezeptionsreihenfolge von Digital und Analog ist – wie sich zeigen wird – durchaus programmatisch für FUSE. Das Booklet – das sich in späteren Ausgaben ebenfalls in eine gefaltete A2-Seite wandelt – enthält Informationen zu den enthaltenen Schriften und ihren Gestaltern sowie essayistische Auseinandersetzungen mit Schrift und Sprache, die in der Regel von Wozencroft stammen. Dieser hatte schon zum 1988 erscheinenden Buch »The Graphic Language of Neville Brody« den Text

Störungen in der digitalen Typografie  —  111

85 Das Nummerierungsschema

ist ein Verweis auf Adrian Frutigers Univers, deren zahlreiche Schnitte durch zwei Zahlen nach Breite, Gewicht und Kursivierung organisiert sind. Vgl. Kupferschmid: Buchstaben kommen selten allein, S. 18. Inzwischen umfasst Beowolf fünf Schnitte nach dem gleichen Ordnungsprinzip. 86 Vgl. Pamminger: »Typografie des Singulären. Neuere Annäherungen des Körpers an die Schrift«, S. 47f. 87 Vgl. Jürgen Siebert: Beowolf OT kommt: mit 85.000 Zeichen, www.fontblog. de/beowolf-ot-kommt-mit85000-zeichen (eingesehen am 9. Juli 2011). 88

Abbildung 7.16: Eine noch ungeöffnete FUSE-Ausgabe Nr. 15 (1995) . Zum Öffnen muss der beschriftete Klebestreifen in der Mitte durchtrennt werden. Aus: Branczyk u. a.: Emotional digital. Portraits internationaler Type-Designer und ihrer neuesten Fonts, S. 132.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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