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Aufgabenbereiche des Setzers übernehmen. Ein nicht unwichtiger Faktor für die Erschließung dieses Marktes ist, dass Adobe 1989 die proprietäre Fassung der PostScript-Schriften, die bis dahin kryptografisch geschützten Type1-Fonts, für die Allgemeinheit öffnet. Der größte Vorteil gegenüber den Type3-Fonts – das Format der frühen Emigre-Schriften – ist der Einsatz von Hinting.81 Diese Technik sorgt dafür, dass PostScript-Schriften auch bei niedrigen Auflösungen – etwa auf dem Bildschirm oder über Nadeldrucker – lesbar bleiben, indem sie Breitenverhältnisse in den Glyphen explizieren. So kann sichergestellt werden, dass die Glyphen gleichmäßig auf ein Pixelraster übertragen werden.82 Gegenüber Type3-Fonts, denen die gesamte PostScript-Sprache zur Verfügung steht, führt Type1 allerdings auch eine Reihe von sprachlichen Beschränkungen ein, um das Format effizienter zu machen. Der FontShop bleibt weder ein reiner Vertrieb noch ein deutsches Phänomen und eröffnet 1990 Dependancen in Kanada und vielen Teilen Europas – besonders wichtig ist hierbei FontWorks, der britische Ableger des FontShops, über den Neville Brody Teil des neuen »FontShop International« (FSI) wird. Brody prägt nicht nur das frühe Erscheinungsbild des FSI entscheidend, sondern spielt auch eine wichtige Rolle bei der Gründung von FontFont, einem an FSI angeschlossenen Schrift-Label.83 Wie eng die Verbindung zwischen FontFont und experimenteller Typografie ist, zeigt bereits die erste über FontFont verlegte Schriftart »Beowolf« [sic], ein Entwurf der Niederländer Erik van Blokland und Just van Rossum.84 Beowolf nutzt die Möglichkeit, in die algorithmische Definition von PostScript-Schriften Zufall einzustreuen – der Umriss der Schrift fällt also bei jeder dargestellten Glyphe etwas anders aus. Dabei existieren drei Varianten – R21, R22 und R2385 –, in denen das randomisierte »Zittern« verschieden stark ausgeprägt ist. Beowolf lässt sich somit in die Kritik des Algorithmus als Legizeichen einreihen, da hier durch algorithmische Störung die Glyphe als Sinzeichen sichtbar gemacht wird.86 Gleichzeitig zeigt die Schrift konzeptionelle Parallelen zu Lickos Citizen und Totally

110  —  Störungen in der digitalen Typografie

81 Vgl. King: »New Faces: Type

82

Design in the First Decade of Device-independent Digital Typesetting (1987-1997)«, S. 67ff.

Abbildung 7.14: Eine mit niedriger Auflösung gerasterte Vektor-Schrift ohne Hinting (oben) und mit aktivem Truetype-Hinting (unten). Aus: Fred Smeijers: Type Now, London: Hyphen Press, 2003, S. 42. 83 Vgl. Yves Peters/Erik Spiekermann/Joan Spiekermann: Celebrating 20 Years of FontShop With Erik Spiekermann, fontfeed.com/archives/ celebrating-20-years-of-fontshop-with-erik-spiekermann/ (eingesehen am 9. Juli 2011). 84

Abbildung 7.15: Überlagerungen in Beowolf R23. Ähnliche Muster entstehen beim Farbdruck mit Beowolf, da jeder Farbkanal einzeln berechnet wird und somit andere Formen pro Farbe entstehen. Aus: Erik van Blokland/Just van Rossum: »Is Best Really Better?«, in: Emigre 18 (1991), S. 28–29, hier S. 29.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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