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eigenen wie der von Kinross. Im Gegensatz zu den kritischen Artikeln in Magazinen wie Print oder Eye73 kann bei Kinross auch die Gestaltung als Teil seiner Argumentation gewertet werden und wird deshalb in »Know Questions Asked« auch grafisch zitiert (siehe Abb. 7.13). Die Gestaltung von Emigre ist dabei sowohl ein Kommentar auf Kinross wie auf die Produktionsbedingungen des eigenen Dialogs, der per E-Mail geführt wird. Der Hauptstrang des Artikels findet allein in der Marginalie statt, die immer wieder von Dialogfragmenten zwischen Burdick und Sandhaus horizontal gesprengt wird. Damit kommentiert VanderLans die Marginallosigkeit des Mailverkehrs, der zu diesem Zeitpunkt nur in ASCII und damit typografisch radikal unterbestimmt möglich ist. Gleichzeitig ist die Umkehrung von Marginalspalte und eigentlichem Text auch eine Kritik an Kinross, dessen Quellenangaben klassisch in der Marginalspalte Platz finden. Das eigene Raster wird durch schwarze Balken gleichzeitig extrem sichtbar gemacht und andererseits immer wieder gebrochen. Die für Emigre zu diesem Zeitpunkt konstitutive Praxis der doppelten Störung wird nun auch auf Kinross angewandt, dessen Text einerseits durch Überschneidungen und anderseits durch Explizierung gestört und transkriptiv bearbeitet wird. Durch diese Bearbeitung wird herausgestellt, dass Kinross mit seiner Gestaltung modernistische Ideale verfolgt,74 die aber nicht stabile Transparenz garantieren, sondern störbar bleiben, was wiederum ermöglicht, sie als persönliche Ausdrucksformen sichtbar zu machen. Die These der grafischen Autorschaft wird so auch in »Fellow Readers« nachgewiesen. Die Frage nach der Autorschaft ist es, von der sich in »Know Questions Asked« sowohl Wissen wie Agency ableiten. Besitzt die Typografie Agency im epistemischen Prozess, so ergeben sich für den Designer damit sowohl Möglichkeiten wie auch neue Verantwortung. Das bedeutet wiederum nicht, dass hier Transparenz verneint wird – Sandhaus und Burdick arbeiten vielmehr heraus, dass sie keine inhärente Größe des Mediums sein kann:

Störungen in der digitalen Typografie  —  107

73 Sowohl Eye wie Print

enthalten schon Anfang der Neunziger auch durchaus positive Berichte über Emigre, gerade Rick Poynor, der Herausgeber von Eye steht dem Magazin sehr positiv gegenüber.

74 Vgl. Burdick/Sandhaus/

VanderLans: »Know Questions Asked. A Dialogue with Fellow Readers: Notes on Multiplied Language«, S. 56.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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