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Dieses Zitat zeigt genau das Dilemma, in dem Kinross sich befindet, da er einerseits nach Anerkennung von Materialität und doch nach dem modernistischen Ideal der Transparenz strebt, das nur um den Preis einer Innen/Außen-Dichotomie zu haben ist. VanderLans erkennt dieses Dilemma und stellt dem Zitat von Kinross in »Know Questions Asked« einen Satz von Denis Hollier gegenüber, der Verpackungsmetaphern in der Architektur kritisiert.69 Der zweite Kritikpunkt von Kinross betrifft die Frage nach Gesellschaft und Zeichen. Einer der Argumentationsstränge der poststrukturalistischen Designtheorie rechtfertigt Störung damit, dass sie den Leser durch die Abwesenheit etablierter Strukturen ermächtigt. Kinross hält dagegen, dass experimentelles Design als solches nicht unterdeterminierter als etabliertes Design ist und dem Leser die Sichtweise des idiosynkratischen Designers aufzwingt.70 Er versucht, so die Argumentation der Poststrukturalisten als Privatsprachenargument zu entlarven und setzt dagegen die Typografie als »multiplied language«, also als technisch vervielfältigte und gesellschaftlich geteilte Größe. Diesen Ausgangspunkt zu wählen heißt, Schrift wieder von der Postion der Drittheit zu beleuchten – einerseits als Legizeichen, das die Vorlage für Replikation darstellt, andererseits als Symbol, das als geteilte Regel die zukünftige Stabilität des Zeichens sicherstellt. Die Idiosynkrasie der lesbar gemachten Tonalität bedroht dieses Primat der Drittheit und damit auch die in der Aufklärung geborene Gesellschaft der Leser und Leserinnen, die nun nurmehr zu »individuals and their families«71 reduziert werden. Kinross argumentiert also nicht einfach auf dem Feld der Lesbarkeit, auf dem Anfang der Neunziger die meisten Streitigkeiten um typografische Innovation ausgetragen werden, sondern stellt die soziale Funktion von Transparenz heraus.72 Die Frage, ob die von Kinross verteidigte monolithische Schriftkultur so jemals existiert hat, wird in Emigres Antwort nicht thematisiert. Die Kritik von Emigre setzt vielmehr in der Typografie an – sowohl der

106  —  Störungen in der digitalen Typografie

69 Vgl. Burdick/Sandhaus/

VanderLans: »Know Questions Asked. A Dialogue with Fellow Readers: Notes on Multiplied Language«, S. 52.

70 Vgl. Kinross: Fellow

Readers. Notes on Multiplied Language, S. 11.

71 Vgl. ebd.

72 Vgl. ebd., S. 24.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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