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auch eine philosophische Basis für die Gestaltung. Durch das Engagement von Katherine McCoy fließt sehr viel poststrukturalistische Lektüre in die Designausbildung in Cranbrook, die sich teilweise sehr deutlich in den Entwürfen der Studenten niederschlägt.62 Dieser Einfluss bewirkt auch, dass die Designkritik der Neunziger Typografie, wie sie in Emigre und ähnlichen Projekten betrieben wird, unter Titeln wie »postmoderne« oder »dekonstruktivistische« Typografie subsummiert.63 Auch wenn VanderLans und Licko dieser theoretischen Richtung viel Raum bieten, bleiben sie selbst reserviert, was das Thema betrifft64 – nichtsdestotrotz fühlen sie sich von dem kinrossschen Angriff auf den Poststrukturalismus im Design soweit betroffen, dass sie 1995 mit »Know Questions Asked«, einem Hybrid aus Artikel und Dialog zwischen Anne Burdick, Louise Sandhaus und Rudy VanderLans (der nur gestalterisch mitwirkt), kontern.65 Kinross kritisiert Poststrukturalismus und Semiologie als Designtheorien von zwei Richtungen: Erstens ist er der Meinung, dass die semiologische Tradition nicht in der Lage ist, Materialität angemessen zu beschreiben. Hierbei geht er zum Cours-Saussure zurück und arbeitet heraus, dass sich Materialität dort, wo sie thematisiert wird, allein auf Mündlichkeit bezieht, und selbst dieser Aspekt gegenüber dem abstrakten System der langue zurücktritt.66 Damit nimmt er zumindest ansatzweise Kritikpunkte an der Zeichentheorie vorweg, wie sie sich etwa bei Dieter Mersch finden lassen, der ebenfalls die Materialität als blinden Fleck der Repräsentation entlarvt.67 Dieser Ausgangspunkt hindert Kinross allerdings nicht daran, gegen Ende seines Essays zögerlich wieder zur cartesianischen Dichotomie zurückzufinden und seinerseits Materialität zu schwächen:

It is worth trying a brutally simple attitude to design: judge by its content. […] But, having announced the simple criterion of ›content‹, one then has to explore the ways in which content is mediated by, is inseperable from, the forms in which we find it.68

Störungen in der digitalen Typografie  —  105

62 Vgl. McCoy/McCoy: »The

New Discourse«, S. 43.

63 Vgl. Poynor: No More

Rules. Graphic Design and Postmodernism, S. 46f. 64 Vgl. Emigre 69 – The End (2005), S. 39.

65 Vgl. Burdick/Sandhaus/

VanderLans: »Know Questions Asked. A Dialogue with Fellow Readers: Notes on Multiplied Language«.

66 Vgl. Kinross: Fellow

Readers. Notes on multiplied language, S. 7ff.

67 Vgl. Mersch: Was sich

zeigt: Materialität, Präsenz, Ereignis, S. 136f.

68 Kinross: Fellow Readers. Notes

on Multiplied Language, S. 26f.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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