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Während die in Emigre entwickelte Ästhetik und die dazugehörigen Schriften in den Achtzigern nur von einer vergleichsweise kleinen Gruppe wahrgenommen werden, erlangen gerade die Schriften in den Neunzigern zunehmend Verbreitung. Emigre bringt das einerseits finanziellen Erfolg ein, aber gleichzeitig auch herbe Kritik von etablierten Typografen, die das Magazin als Vorreiter des typografischen Werteverfalls ausmachen. Meilensteine der Kritik sind hier Massimo Vignellis Interview in Print 199156 und Steven Hellers57 Artikel »Cult of the Ugly«,58 der 1993 in Eye erscheint. Sowohl Vignelli – selbst eine Größe des International Style – wie Heller – der zu diesem Zweck Paul Rands ästhetische Grundsätze zitiert – kritisieren Emigre vor allen Dingen, weil es mit bestehenden Gestaltungsprinzipien – etwa dem Idiosynkrasie-Verbot – bricht. Wesentlich interessanter ist die Debatte, die 1994/95 zwischen Emigre und Robin Kinross geführt wird – interessant, weil Kinross seinen Essay »Fellow Readers«59 in Buchform in seinem Verlag Hyphen publiziert und den Text somit von der Manuskriptfassung über das Design in QuarkXPress60 bis zum Druck kontrolliert. Sein Text ist also auch ein typografischer Beitrag gegen die Design-Strömung, der Emigre angehört. Darüber hinaus ist der Text spannend, weil seine Kritik nicht nur eine reflexhafte Ablehnung von neuen, störenden Designpraktiken ist, sondern auch ihre (sprach-)philosophischen Grundlagen thematisiert und damit genau die Dynamik am Repräsentamen diskutiert, die Emigre ausmacht. Das Magazin kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr einfach mit VanderLans und Licko identifiziert werden, sondern ist Knotenpunkt einer sich verdichtenden Designströmung geworden, für die Emigre eine Plattform bietet – nicht nur in Form von Interviews, sondern auch die Gestaltung betreffend, die teilweise sogar für ganze Ausgaben bei Dritten liegt. Besonders viel Raum wird dabei Alumni und Studenten der Cranbrook Academy of Art gewährt, an der schon seit längerer Zeit an Ausdrucksformen jenseits des Modernismus geforscht wird. Cranbrook bringt nicht nur typografische Talente wie Jeffery Keedy in Emigre ein, sondern liefert

Störungen in der digitalen Typografie  —  103

56 Vgl. Philip B. Meggs/

Massimo Vignelli/Ed Benguiat: »Massimo Vignelli vs Ed Benguiat (Sort of)«, in: Print 45.5 (1991), S. 88–95, 143, hier S. 91. 57 Heller sollte nur wenige Jahre später eine deutlich affirmativere Position zu Emigre einnehmen. Vgl. Steven Heller/Anne Fink: Faces on the Edge: Type in the Digital Age, New York: Van Nostrand Reinhold, 1997. 58 Steven Heller: »Cult of the Ugly«, in: Looking Closer. Critical Writing on Graphic Design, hrsg. v. Michael Bierut u. a., New York: Allworth, 1994, S. 155–159. 59 Vgl. Robin Kinross: Fellow Readers. Notes on Multiplied Language, London: Hyphen Press, 1994. 60 QuarkXPress ist ein weiteres DTP-Programm, das 1987 erscheint und in den Neunzigern zu einer ernsthaften Konkurrenz für PageMaker wird. Auch Emigre stellt ab 1997 auf dieses Programm um. Vgl. Emigre 70 – The Look Back Issue (2009), S. 12.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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