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satz handelt, die es mit den Brotschriften des Modernismus aufnehmen kann. Sowohl die Kursive wie die Aufrechte werden im Interview eingesetzt und differenzieren die beiden Stränge des Interviewers (VanderLans) und Licko als Interviewter. Nur wenn Licko von ihren anderen Schriften spricht, sind die jeweiligen Namen in der bezeichneten Schrift gesetzt – in Abbildung 7.12 etwa Emperor und Oakland. Die mikrotypografische Formatierung des Texts pocht somit auf die Rolle des Schriftzeichens als Tinge, also als grafischer Tonalität. Licko besitzt durch ihre Schriftentwürfe eine grafische Stimme, die in der transkriptiven Oszillation des Interviews geschaffen wird und charakterliche Eigenschaften der Interviewten an die Schrift bindet und sie somit persönlich macht. Emigre verfolgt damit klar ein Gegenprogramm zur legizeichenhaften Abstraktion der PostScript-Algorithmen, die für die Illusion einer reinen, immateriellen Form stehen, und positioniert Triplex dagegen als »freundliche« Schrift, die menschliche Züge erhält, weil sie ihre Rolle als Tinge klarmacht. Diese Strategie zieht sich durch das gesamte Heft, in dem auch Barry Deck, Max Kisman und Jeffery Keedy interviewt werden – jeweils mit ihrer eigenen Schrift als typografischer Stimme. Mit Ausnahme von Kismans TTtype88 ist jede dieser typografischen Stimmen noch im Jahr 1990 postalisch bei Emigre zu beziehen. Die transkriptive Bearbeitung als Marketing-Strategie greift, wie gerade Barry Decks »Template Gothic« zeigt: Der in Emigre Nr. 15 eingeführte Entstehungsmythos, dass Barry Decks Entwurf auf der verfallenen Beschriftung eines Waschsalons basiert,53 ist bis heute präsent und trägt dazu bei, die Schrift zu einer der erfolgreichsten der frühen Neunziger zu machen – auch weil Template Gothic durch dieses Narrativ das postmoderne Interesse an Alltagskultur54 befriedigt. Als Zitat des analogen Verfalls ist Template Gothic damit ein weiterer Beitrag zum Spannungsverhältnis zwischen Materialität und Immaterialität, das mit der fortschreitenden Digitalisierung an Brisanz gewinnt.

Störungen in der digitalen Typografie  —  101

53 Edward Fella, einer von Decks

Professoren am California Institute of the Arts, behauptet in einem späteren Interview in Emigre, dass Template Gothic tatsächlich wesentlich mehr mit dem Umfeld an der Universität als mit Waschsalons zu tun hat und letztendlich auf einem seiner Poster beruht. Vgl. Michael Dooley/Edward Fella: »An interview with… Edward Fella«, in: Emigre 30 (1994), S. 15–17, hier S. 15. 54 Die Beschäftigung mit Alltagskultur bzw. »Vernacular« ist ein Einfluss, der sich vor allen Dingen aus der postmodernen Architektur ableitet. Hier ist besonders Robert Venturis Arbeit prägend. Vgl. Robert Venturi/Denise Scott Brown/Steven Izenour: Learning from Las Vegas, Rev. ed, MA: MIT Press, 1972.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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