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dieses Ungleichgewicht bis heute weiter, und »Auto-Tracing«, also das algorithmische »Durchpausen« von Bitmap-Strukturen in vektorielle Umrisse, stellt immer noch eine Herausforderung dar. Die etablierten Schriftvertriebe zeigen Mitte der Achtziger noch wenig Interesse an Lickos Entwürfen, aber ihre Sichtbarkeit in den Layouts von VanderLans erzeugt bald Nachfrage bei der sich langsam formierenden Gruppe von Macintosh-Designern. Schnell liegt Emigre der erste Bestellschein für die digitalen Schriften bei.47 Das Magazin hat zu diesem Zeitpunkt noch nahezu keine Anzeigenkunden und finanziert sich über den Verkauf der Ausgaben, der allerdings die Druckkosten bei weitem nicht trägt. Dass für digitale Schriften ein neuer Markt entsteht, ist deshalb sicherlich einer der Gründe dafür, dass sich Emigre im Laufe der Achtziger immer stärker zu einem reinen Grafikdesign-Magazin wandelt. Ein anderer Grund dürfte darin liegen, dass sowohl Marc Susan wie Menno Meyjes das Projekt nach wenigen Ausgaben verlassen und Licko und VanderLans somit freie Hand bei der Entwicklung von Emigre haben. Die Konzentration von Emigre auf Designfragen bedeutet in der Praxis, dass neben der Störung, die von Lickos Schriften und VanderLans makrotypografischen Experimenten ausgeht, noch eine zweite Form von Störung in das Magazin Einzug hält: Emigre stört den eigenen Lesefluss nun auch dadurch, dass es Designs diskutiert und somit sichtbar macht – eine Strategie, die auch wirtschaftlich Sinn macht, denn je deutlicher die eingesetzten Schriften zu erkennen sind, desto eher entsteht auch Interesse bei potenziellen Käufern. Emigre fungiert deshalb gleichzeitig als Designmagazin und Katalog des eigenen Schriftvertriebs, der ab 1990 nicht nur Lickos Schriften und Piktogramme vertreibt, sondern auch andere Gestalter aufnimmt. Emigre wird somit zum Prototypen des unabhängigen digitalen Font-Labels, das analog zu den Musiklabels der gleichen Periode eine Plattform für freie Gestalter schafft und diese in einem neuen Markt, der nicht länger Druckereien, sondern Designbüros und Designer be­inhaltet, vermarktet. Dass sich in Emigre Strategien der unabhängigen

Störungen in der digitalen Typografie  —  99

47 Vgl. VanderLans u. a.:

Emigre. Graphic Design into the Digital Realm, S. 34.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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