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als einen Schritt in der Endfertigung, mit dem sich traditionell gezeichnete Schriften digitalisieren lassen, sondern als Werkzeug, dessen Spezifika sich im Schriftentwurf wiederfinden sollen. Der transkriptive Bezug auf die Bitmap-Schrift erzeugt die Kontinuität einer digitalen Ästhetik, auf die Licko auch in den folgenden Jahren pocht, indem sie immer wieder auf die wichtige Rolle von niedrig aufgelösten Schriften hinweist.42 Die Hinwendung zu geometrischen Konstruktionsprinzipien lässt sich allerdings nicht allein mit den Eigenschaften von PostScript erklären. Neue geometrische Schriftentwürfe, mit klarem Bezug zu den ästhetischen Prinzipien des frühen 20. Jahrhunderts, finden sich beispielsweise auch sehr ausgeprägt in Neville Brodys Arbeit für »The Face«, die zu diesem Zeitpunkt noch komplett analog gezeichnet sind – Licko greift mit ihrer Interpretation der Interpolation also auch den gestalterischen Zeitgeist auf. Außerdem ergibt sich die Entscheidung für einen ausgeprägten Anstrich43 beim »n« nicht unmittelbar aus Emperor, sondern bedarf kleiner Korrekturen am Bitmap-Original – konkret das Verschieben eines Pixels um eine Position. Die Interpolation zeigt, wie gravierend dieser minimale Eingriff bei grob gerasterten Schriften ist. Auch die Bitmap-Entwürfe von Licko sind in dieser Hinsicht schon geometrisch, da sie das Pixel nicht durch höhere Auflösungen unsichtbar machen, sondern als Konstruktionseinheit hervorheben. Neben Modula entstehen auf diese Weise noch zwei weitere Schriften: 1986 erscheint »Citizen«, die mit Modula klar das Prinzip der ausgeprägten Anstriche teilt, aber breiter ausfällt, da sie sich nicht auf Emperor Fifteen, sondern auf Lickos Universal Eight bezieht. Citizen wurde nicht nur ein-, sondern zweimal durch den Interpolationsalgorithmus geschickt und dann von Hand vektorisiert. Bei dieser Interpretation der algorithmischen Ergebnisse zielt Licko nicht darauf ab, gleichmäßige geometrische Formen zu erzeugen, sondern approximiert im Gegenteil alle Biegungen durch Geraden – so erklärt sich die unebene Form der Umrisse.44 Citizen ist damit gleichermaßen das Produkt des Interpolationsalgorithmus wie

Störungen in der digitalen Typografie  —  97

42 Vgl. VanderLans u. a.:

Emigre. Graphic Design into the Digital Realm, S. 34.

43

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Abbildung 7.9: Der »Anstrich« bezeichnet den Punkt, an dem in der Chirografie das Schreibwerkzeug zu einem vertikalen, abwärtsgerichteten Strich ansetzt. Die chirografische Logik des Anstrichs wird in Abbildung 2.2 deutlich (siehe S. 11). Anstriche besitzen nach dieser Bewegungslogik auch noch weitere Buchstaben, wie etwa das gemeine »b«, »i« oder »k« – in Lickos Entwurf tritt der Anstrich nur dann auf, wenn er unmittelbar auf eine Rundung trifft. Vgl. Cheng: Anatomie der Buchstaben, S. 12f.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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