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Ernst in ihrem Einführungsband zur Diagrammatik17 – die Autoren streben allerdings letztendlich ein weites Verständnis von Diagrammatik an, bei dem eher eine spezifische Form von Erkenntnis als ikonische Relationen im Mittelpunkt steht. In dieser Arbeit soll tendenziell dem von Frederik Stjernfelt eingeschlagenen Weg18 gefolgt werden, der für eine engere Interpretation von peircescher Diagrammatik steht. Auch wenn also Ansätze für eine Diagrammatik der Seite existieren – hier ist auch noch die Arbeit von Schmitz zu nennen19 –, steht eine ausformulierte Theorie für die Diagrammatik der Seite vor der Folie der peirceschen Semiotik noch aus. Auch die typografische Entwicklung zwischen 1985 und 1995 ist – gerade im Vergleich zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts – noch wenig erschlossen. Allen voran muss hierbei die Arbeit von Rick Poynor genannt werden, der das Editorial- und Grafikdesign in den Neunzigern mit seinem Magazin »Eye« begleitet und mit einer Reihe von Büchern wie »Typography Now«20 und »No More Rules«21 sowohl grafische wie theoretische Entwicklungen der Zeit dokumentiert. Wenig rezipiert, aber dennoch wichtig ist auch Emily King, die sich mit ihrer Dissertation »New Faces: Type Design in the First Decade of Device-independent Digital Typesetting (1987-1997)«22 einem ähnlichen Zeitraum wie diese Arbeit widmet. Kings geografisch organisierte Untersuchung lässt allerdings den deutschsprachigen Bereich weitestgehend aus und bleibt an vielen Stellen deskriptiv. Zeitgenössische Analysen zur Typografie dieser Periode finden sich in der unter anderem von Michael Bierut und Stephen Heller herausgegeben Reihe »Looking Closer«, die wichtige Texte des Design Criticism zusammenbringt.23 Ein Gegenstück zum englischsprachigen Design Criticism findet sich im deutschsprachigen Bereich kaum, hier ist allerdings der Band »postscript« zu nennen, der den Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Schrift untersucht. Insbesondere Walter Pammingers Beitrag zu Singularität in der Schrift24 bietet weitreichende Anschlusspunkte zum peirceschen Sinzeichen und damit wichtige

6  —  Einleitendes

15 Vgl. Stephan Kurz: »There’s

More to It Already. Typography and Literature Studies: A Critique of Nina Nørgaard’s ›The Semiotics of Typography in Literary Texts‹ (2009)«, in: Orbis Litterarum 66.5 (2011), S. 409–422. 16 Sybille Krämer: »Operative Bildlichkeit. Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über ein erkennendes Sehen«, in: Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft, hrsg. v. Martina Heßler/ Dieter Mersch, Bielefeld: Transcript, 2009, S. 94–122. 17 Matthias Bauer/Christopher Ernst: Diagrammatik. Einführung in ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld. Bielefeld: Transcript, 2010. 18 Frederik Stjernfelt: »Diagrams as Centerpiece of a Peircean Epistemology«, in: Transactions of the Charles S. Peirce Society 36.3 (2000), S. 357–384. 19 Ulrich Schmitz: »Blickfang und Mitteilung. Zur Arbeitsteilung von Design und Grammatik in der Werbekommunikation«, in: Zeitschrift für Angewandte Linguistik 54 (2011), S. 79–109. 20 Rick Poynor/Edward BoothClibborn (Hrsg.): Typography Now: The Next Wave, London: Internos, 1991. 21 Rick Poynor: No More Rules. Graphic Design and Postmodernism, New Haven: Yale University Press, 2003.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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